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Große Klappe, große Kunst
Lamspringer Künstler Micha Kloth will dieses Jahr vier weitere Bilder
für die Sophienkirche malen
Lamspringe (lv). Es war so etwas wie ein Schwur. Micha Kloth versucht,
die Geschichte möglichst ohne Pathos zu erzählen, aber das ist alles
andere als einfach. Als seine Mutter vor einigen Jahren schwer krank in
der Klinik lag, zwei Monate künstliches Koma, saß Kloth eines Sonntags
in der Lamspringer Sophienkirche und blickte gen Himmel. "Man wird
gläubiger, wenn man in Not gerät", sagt der Künstler heute. Als er so
hochsah, entdeckte er die kahlen Emporen und betete: "Lieber Gott, lass
Mutter nach Hause kommen, dann schmücke ich Dir die ganze Kirche aus!"
Die Mutter erwachte tatsächlich aus dem Koma und ist inzwischen wieder
einigermaßen gesund. Als der Künstler das nächste Mal in der Kirche saß,
sah er die Emporen und erinnerte sich. Und bekam plötzlich ein
schlechtes Gewissen. "Ich hatte so eine große Klappe", dachte er sich,
"jetzt muss ich mein Versprechen wohl einlösen." Micha Kloth redete mit
Willi Mann, seinem Freund und Pastor von Lamspringe, über die
Geschichte. Der hielt das für eine tolle Idee. Zwölf freie Felder hatte
die Empore, nicht nur eine biblische Zahl, sondern auch für jeden Monat
eines.
Soviel zum Pathos. Was folgte, war der übliche bürokratische Weg, den es
auch in der Kirche zu beschreiten gilt. Denn natürlich kann nicht jeder
die Kirche anmalen. Auch nicht, wenn er ein Erweckungserlebnis hatte,
was Micha Kloth allerdings niemals so nennen würde. Er, der damals aus
der katholischen Kirche ausgetreten war, lange keiner Konfession
angehörte und nun evangelisch ist. Über Kunst in der Kirche entscheidet
das Amt für Bau- und Kunstpflege in Hannover und letztlich auch der
örtliche Kirchenvorstand.
Bei beiden stieß Kloth auf offene Ohren. Aus Hannover kam eine
Sachverständige, um das bisherige Schaffen des Künstlers zu begutachten.
Und das kann sich sehen lassen. Denn der gebürtige Lamspringer, gelernte
Farblitograph und langjährige Mitarbeiter der Steindruck-Werkstatt
Quensen ist ja längst kein unbeschriebenes Blatt mehr, sondern hatte
Ausstellungen in Deutschland, Bulgarien, Polen, der Türkei, Spanien und
Frankreich. 1998 und 2000 lehrte er als Gastdozent im spanischen
Valencia, seit 2005 ist er Gastprofessor an der türkischen
Elite-Universität Eskisehir.
Der Lamspringer Kirchenvorstand war ebenfalls aufgeschlossen. Er hatte
nur einen einzigen Wunsch: "Bitte keinen Baselitz!". Das umstrittene
Gemälde "Tanz ums Kreuz" von Georg Baselitz, auf dem ein umgedrehter
Gekreuzigter zu sehen ist, hatte vor einigen Jahren die Gemeinde in dem
kleinen Ort Luttrum gespalten. Doch daran ist dem nach eigener Auskunft
harmoniebedürftigen Kloth überhaupt nicht gelegen. "Ich möchte auf
keinen Fall, dass wegen der Bilder weniger Menschen in die Kirche
kommen. Ich möchte mich nicht aufdrängen", sagt er. Schließlich will er
weiterhin ein ganz normaler Bürger von Lamspringe sein, der zum Bäcker
oder Schlachter geht wie andere auch.
Bislang ist die Resonanz positiv. Die ersten beiden Bilder, sie zeigen
die heiligen drei Könige und Jesu Versuchung in der Wüste, zieren
bereits seit Oktober die Kirchenempore. Die nächsten vier Motive will
Micha Kloth in diesem Jahr unbedingt noch fertigstellen, die sechs
Bilder für die gegenüberliegende Empore will er im Jahr darauf angehen.
Als nächstes wird er sich der Thematik Ostern, also Tod und Leben, widmen.
Seit der Grundsatzbeschluss gefallen ist, dass Kloth die Emporen
gestalten darf, hat er alle künstlerischen Freiheiten. "Das wäre anders
auch nicht möglich", sagt er. Er könne ja nicht jedes Motiv mit zig
Leuten diskutieren. Und seine eigene künstlerische Handschrift müsse
schließlich auch erkennbar sein. Aber Kloth ist kein Provokateur.
Vielmehr sieht er seine Bilder als Illustrationen biblischer Geschichten.
Doris Heil, Vorsitzende des Lamspringer Kirchenvorstands, findet es
spannend, dass die ganze Gemeinde am Prozess des künstlerischen
Schaffens teilhaben kann und miterlebt, wie sich die Kirche Stück um
Stück verändert. Wenn das Werk vollbracht ist, soll es eine Broschüre
mit Informationen zum Künstler und zu den Bildern geben.
(erschienen in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung am 2. März 2006)
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