Empört über Werbung für die "Deutsche Stimme"

26-jähriger Hildesheimer findet Faltblatt einer rechtsextremen Zeitung im Briefkasten / Herausgeber ist die NPD

(lv) Carsten Fischer (Name von der Redaktion geändert) ist empört. In seinem Briefkasten fand der 26-jährige Hildesheimer einen optisch wie inhaltlich abstoßenden Werbeprospekt. Auf dem Titelbild des DIN A5-Faltblattes sticht die rote Jahreszahl "1945" heraus, darüber sind Begriffe wie "Jahr der Befreiung", "Menschenrechte" und "Demokratie" platziert, umrahmt von Fotos, die Soldaten, Bomben und tote Kinder zeigen. Darunter die Parole: "Wir feiern nicht. Kampagne gegen nationalen Selbsthass und Medienhetze." Im Innenteil ist von "historischen Lügen" über den Zweiten Weltkrieg die Rede. Und klein in der Ecke: "An alle Haushalte mit Tagespost".

Das Faltblatt ist ein Pamphlet, in dem kaum verschlüsselt rechtsradikale Gedanken verbreitet werden. Originaltext: "Immer wieder wird von der deutschen Schuld geredet. Vergangenheitsbewältigung erklärt uns, warum wir nicht als freie, aufrechte und stolze Menschen leben dürfen. Unsere Vergangenheit wird immer noch kriminalisiert." Vor allem macht der Prospekt aber Werbung für die Monatszeitung "Deutsche Stimme" - Bestellcoupon inklusive.

"Politische Unabhängigkeit tut nicht weh!" lautet die hehre Botschaft. Dass das Blatt vom Parteivorstand der NPD herausgegeben wird, verrät der Prospekt indes nicht. Chefredakteur und inhaltlich Verantwortlicher der "Deutschen Stimme" ist der gebürtige Hildesheimer Holger Apfel. Der stellvertretende Bundesvorsitzende der NPD und Fraktionschef im Sächsischen Landtag hatte am 21. Januar im Dresdner Parlament mit seinen Äußerungen vom "Bomben-Holocaust" für einen Eklat gesorgt. Zuvor hatte sich die NPD-Fraktion unter Apfels Leitung einer Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft verweigert und geschlossen den Sitzungssaal verlassen.

Warum aber verschweigt der Werbeprospekt den Bezug zur rechtsextremen NPD? Die HAZ fragte in der Parteizentrale nach. Die "Deutsche Stimme" sei autark, antwortete NPD-Pressesprecher Klaus Beier. Aber die NPD sei doch der Herausgeber? "Wo steht das?", gab sich Beier überrascht. Dabei macht die NPD ansonsten kein Geheimnis aus dieser Tatsache. Jeder kann auf der Internet-Seite das Impressum des Blattes nachlesen. "Die Angaben auf dem Flugblatt sind ausreichend", ruderte der Sprecher dann auch prompt zurück. Interessierte könnten sich im Internet ja weiter informieren. Nach Beiers Schätzungen seien bundesweit bis zu 500.000 Flugblätter in Umlauf gebracht worden. Seit Jahresbeginn habe man so mehr als 330 neue Abonnenten gewonnen.

Der Verfassungsschutz stuft Äußerungen von Holger Apfel zur "Deutschen Stimme" als antisemitisch ein. Im Internet schreibt Apfel: "Kein Thema fällt der Zensur oder irgendwelchen Tabus zum Opfer - ob die unverschämten finanziellen Forderungen der zionistischen Lobby, die massive Landnahme von Fremden in unserem Vaterland, die immer skrupelloser von der amerikanischen Ostküste vertretenen Weltherrschaftsgelüste, der Staatsterrorismus Israels oder die geistige und kulturelle Verwahrlosung unseres Volkes."

Auch Carsten Fischer will der geistigen Verwahrlosung der Menschen entgegenwirken. Deshalb wehrt sich der angehende Berufsschullehrer gegen derartige Werbung. "Die NPD will die Politikverdrossenheit der Menschen ausnutzen. Gegen diese Hetze muss man etwas tun." Fischer will vor seiner eigenen Haustür damit anfangen.

(erschienen in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung am 2. April 2005)

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