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"Spott schmerzt mehr als Schläge"
HAZ-Interview mit dem Kriminologen Prof. Dr. Christian Pfeiffer über
den Trend "Happy Slapping"
Von Lothar Veit
LAMSPRINGE/HANNOVER. Ein neuer Trend macht Schule. "Happy Slapping"
(lustiges Dreinschlagen) nennen Experten eine aktuelle Form von Gewalt,
bei der Täter ihre Opfer nicht nur verprügeln, sondern dabei auch noch
filmen. HAZ-Redakteur Lothar Veit sprach mit dem Kriminologen Prof. Dr.
Christian Pfeiffer über die Motive für "Happy Slapping" und die Gefühle
der Opfer.
HAZ: Worin unterscheidet sich "Happy Slapping" von gewöhnlichen Prügeleien auf dem Schulhof, die es ja schon immer gegeben hat?
Prof. Dr. Christian Pfeiffer: Das "Happy Slapping" ist das Gegenteil von "happy". Durch das gleichzeitige Filmen der Tat ist es für die Opfer eine deutlich höhere Demütigung und Schmerzerfahrung als bei einer einmaligen Prügelei.
Warum?
Die Opfer können davon ausgehen, dass Fotos oder Filme von der Tat ins
Internet kommen oder unter der Hand bei den Schülern kursieren. Sie
müssen damit rechnen, dass andere darüber lachen, dass man Gegenstand
von Spott und Häme wird. Einen einmaligen Vorfall verkraftet man schon
einigermaßen, aber wenn daraus eine Kette von Demütigungen wird, weil
immer wieder einer einen anspricht oder über einen getuschelt wird, dann
ist das schlimm.
Ist den Tätern bewusst, dass das Filmen diese demütigende Wirkung hat?
Kann es nicht nur einfach eine Mode sein?
Nein. Das ist ihnen völlig klar. Darum geht es ihnen. Das ist
Machogehabe. Es soll die Überlegenheit noch einmal potenzieren, wenn man
den Verlierer, den man in der Mangel hat, dabei auch noch dokumentarisch
erfasst. Die Täter kosten diese Überlegenheit voll aus, indem sie den
Moment filmisch verewigen, so wie wir Höhepunkte unseres Lebens ja auch
mit der Kamera festhalten, bei einer Taufe etwa, oder wenn wir als
Mittelstürmer gefeiert werden.
Wie muss man sich das vorstellen? Treffen sich Jugendliche anschließend
zum Videoabend und schauen sich mit Chips oder Popcorn ihren Film an?
Genau. Sie treffen sich, um verbotene Filme anzuschauen, die erst ab 18
freigegeben sind, und schauen sich sozusagen als Vorprogramm dann auch
noch die eigenen "Heldentaten" an.
Was sagt die Statistik? Hat die Gewalt an Schulen zugenommen?
Das Erfreuliche ist, dass die Gewalt an Schulen zurückgeht. Es gibt da
ein ganz verlässliches Instrument, um das zu überprüfen: Wenn ein
Schüler auf dem Schulgelände oder auf dem Schulweg so massiv
zusammengeprügelt wird, dass ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden
muss, dann muss dieser Vorfall den Unfallgenossenschaften gemeldet
werden, weil Schüler gegen solche Schäden versichert sind. Das Spannende
ist, dass seit 1997 pro Tausend Schüler die Zahl solcher Fälle um 27
Prozent gesunken ist. Schwere Fälle, bei denen ein Krankenhausaufenthalt
nötig war, haben sogar um 37 Prozent abgenommen.
Die Gewalt wird weniger, aber subtiler?
Die Gewalt wird punktuell dort schlimmer, wo Jugendliche gleichzeitig
gefilmt und fotografiert werden und diese Bilder dann in Umlauf kommen.
Gibt es Vorbilder für "Happy Slapping"? Welche Rolle spielen etwa Gewalt
verherrlichende Computerspiele oder Fernsehserien wie "Jackass"?
Wir haben nach unseren aktuellen Daten gar keinen Zweifel, dass es hier
einen Zusammenhang gibt. Bei unseren Analysen zeigt sich, dass hoher
Medienkonsum von Spielen und Filmen, die erst ab 16 oder 18 freigegeben
sind, fördernd auf die Gewaltbereitschaft solcher Jugendlichen wirkt,
die ohnehin in Schwierigkeiten stecken. Für die anderen, die größere
Gruppe, bedeutet es vor allem schlechtere Schulnoten. Das mag
langfristig auch zu mehr Gewalt führen. Aber zunächst mal können wir
klar belegen, dass bereits gefährdete Kinder und Jugendliche durch
intensiven Konsum gewalthaltiger Medieninhalte selber häufiger
Gewalttaten begehen.
Im Fall von Lamspringe kursierte der Film von der Quälerei eines damals
15-jährigen Schülers nach der Tat ein halbes Jahr lang im Internet und
auf gebrannten CDs. Erst jetzt ist der Fall aufgeflogen, weil einer
Mutter die CD in die Hände fiel. Wie ist es möglich, so etwas so lange
geheimzuhalten?
Die Opfer haben große Scham, sich zu melden. Wir müssen ihnen klar
machen, dass es wirksame Hilfe gibt, und dass ein Ende ihres Martyriums
nur dann entsteht, wenn sie sich selbst entschlossen widersetzen.
Allerdings suchen sich Täter häufig Personen aus, von denen sie hoffen
und vermuten, dass sie von sich aus nicht die Kraft haben, eine Anzeige
zu erstatten.
Aber hätten nicht Mitschüler oder Lehrer etwas mitbekommen müssen?
Lehrer sicher nicht. Die Hauptgruppe, die diese Dinge im Internet
anschaut, sind Gleichaltrige. Das ist das Erschreckende, dass es wohl
eine größere Zahl von Mitschülern gegeben haben wird, die davon wusste
und geschwiegen hat. Manchmal kann man das Gesicht des Opfers auf den
Filmen allerdings auch nicht richtig erkennen, weil die Qualität
schlecht ist oder alles zu schnell geht.
Im konkreten Fall war der Film mit hämischen Untertiteln versehen, in
denen der Name des Opfers auftauchte. Die Namen der Täter standen sogar
im Abspann.
Also, das ist schon ein extrem dreistes Verhalten. Es zeigt, dass die
Täter mit einer sehr geringen Aufdeckungswahrscheinlichkeit gerechnet haben.
Haben die Schüler ihre Tat möglicherweise nicht einmal als Unrecht
wahrgenommen?
Das halte ich für ausgeschlossen. Es ist jedem klar, dass Prügeln eine
Körperverletzung ist und das Zurschaustellen der "Heldentaten" erst
recht. Dass da kein Unrechtbewusstsein vorhanden ist, halte ich für
undenkbar. Es sei denn, das Opfer wäre jemand, der die ganze Zeit andere
Schüler drangsaliert hat, und man hat sich mal zusammengetan, um sich an
ihm zu rächen. Unter diesen Umständen mag das Unrechtbewusstsein
schwächer ausgeprägt sein.
Welche Form von Gewalt ist als nächstes zu erwarten, wenn die neuesten
Entwicklungen aus Großbritannien oder den USA zu uns herüberschwappen?
"Happy Slapping" ist das Aktuellste, die Intensivierung der Gewalt durch
Filmen und Verbreiten der Filme. Das hat in England vor zwei Jahren
eingesetzt. In den USA ist es in Großstädten sehr verbreitet.
Deutschland liegt also voll im Trend?
Ja, wir haben da Anschluss gefunden im negativen Sinne.
Was muss geschehen, um die Gewalt einzudämmen?
Es geschieht schon das Richtige. Es wird ernst genommen, in den Schulen
wird hoffentlich intensiv darüber debattiert. Es wird auch von den
Gerichten deutlich gemacht werden, dass sie einen solchen Vorfall anders
bewerten als die schlichte gewaltsame Wegnahme eines Handys oder eine
Prügelei auf dem Schulhof. Da sich die Fälle mehren, hat sich unser
Institut übrigens entschlossen, demnächst 4000 Neuntklässler nicht nur
dazu zu befragen, ob sie Opfer einer Gewalttat geworden sind, sondern
ergänzend dazu, ob diese Gewalttat gefilmt oder fotografiert wurde und
ob die Täter dann dafür gesorgt haben, dass eine Vielzahl von weiteren
Personen diese Situation mitbekommen.
Muss man nicht früher ansetzen?
Ja, ich habe noch einen anderen Vorschlag, der weit über das alles
hinausgeht. Wir sehen mit Sorge, dass schon bei den Zehnjährigen die
Zahl der Geräte in den Kinderzimmern ein Ausmaß erreicht hat, das nur
noch als schädlich beschrieben werden kann. Wir können klar aufzeigen,
dass die Schulnoten von Kindern wesentlich besser sind, wenn sie keine
Bildschirmgeräte im Zimmer haben. Und wir können zeigen, dass die
Gewaltbereitschaft wesentlich höher ist bei denen, die solchermaßen
ausgestattet sind. Zudem haben Jungen mehr Geräte als Mädchen. Wir
können klar aufzeigen, dass die großen Leistungsabstände in der Schule
zwischen Mädchen und Jungen, die wir neuerdings beobachten, eine Folge
dieser verfehlten Medienausstattung ist. Die Folgerung daraus liegt auf
der Hand: Keine Bildschirmgeräte in die Kinderzimmer!
ZUR PERSON:
Prof. Dr. Christian Pfeiffer, geboren am 20. Februar 1944 in Frankfurt
(Oder), ist Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Nieder
sachsen (KFN). Von Dezember 2000 bis März 2003 war das SPD-Mitglied
Justizminister des Landes Niedersachsen.
Christian Pfeiffer studierte von 1965 bis 1971 Rechtswissenschaften und
Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie an
der London School of Economics and Political Science (LSE). Er
promovierte 1984 mit dem Thema "Kriminalprävention im
Jugendgerichtsverfahren". Von 1985 war er stellvertretender Direktor, ab
1988 Direktor des KFN. Im Jahr 1987 wurde er zudem auf eine Professur
für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzugsrecht an der
Universität Hannover berufen.
Pfeiffer engagierte sich bereits frühzeitig für den
Täter-Opfer-Ausgleich als außergerichtliche Streitbeilegung. Weitere
Forschungsschwerpunkte sind Viktimisierungserfahrungen (Viktimisierung
= "zum Opfer machen") und Medienverwahrlosung. (lv)
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(erschienen in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung am 7. Januar 2006)
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