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"Wie Saddam Hussein, als er aus dem Loch gezogen wurde"
Uwe Zürner aus Dingelbe hat sein Ziel knapp verfehlt: den Gipfel des Mount Everest
Von Lothar Veit
DINGELBE. Kurz vor dem Ziel, dem
Gipfel des Mount Everest, wurde es
brenzlig: Uwe Zürner hatte auf 8.250
Meter Höhe eine höchst unerfreuliche
Diskussion mit seinem einheimischen
Helfer. Der wollte plötzlich
alles hinschmeißen und absteigen.
"Das hätte das Ende bedeutet", sagt
Zürner. Wie brenzlig die Situation
wirklich war, wusste der Dingelber
zu dem Zeitpunkt noch nicht. Denn
das Gespräch hatte gar nicht stattgefunden,
der Mensch vor ihm existierte
nur in seiner Einbildung.
Seit Oktober vergangenen Jahres
trainiert Dr. Uwe Zürner, 50 Jahre,
gelernter Tierarzt, Ministerialrat im
Landwirtschaftsministerium, für die
Erfüllung seines Kindheitstraumes:
die Besteigung des höchsten Berges
der Welt (8.844 Meter). Ein erster
Versuch war vor sechs Jahren am
schlechten Wetter gescheitert. Diesmal
stimmte alles: das Wetter, der
Zeitpunkt und die körperliche Fitness.
Nur sein Sauerstoffgerät, das
er sich in 7.800 Meter Höhe umgeschnallt
hatte, funktionierte nicht.
Das merkte Zürner aber nicht, er
konnte es gar nicht merken, weil
man den zusätzlichen Sauerstoff
weder riecht noch schmeckt.
Also begann er zu halluzinieren:
Der Streit mit seinem nepalesischen
Helfer (Sherpa), der zu diesem Zeitpunkt
ganz woanders war und keineswegs
absteigen wollte. Oder die
Tanzgruppe, die trotz derber Minusgrade
in knappen Turnanzügen im
Schnee tanzte. Es gab sie einfach
nicht. "Aber ich habe sie vollkommen
gegenständlich vor mir gesehen",
sagt Zürner und klingt dabei
eher fasziniert von dem Phänomen
als erschrocken.
Nach 2001 hatte er sich ein zweites
Mal mit dem erfahrenen Bergsteiger
Peter Guggemos, 48 Jahre,
aus Marktoberdorf (Allgäu) zusammengetan,
der sich bereits an allen
14 Achttausendern versucht hat.
Den Gipfel des Mount Everest hat
auch er bei seinen zwei Versuchen
bislang nicht erklommen.
Über die Zeitung hatte außerdem
noch Ulrich Pulvermüller, 39 Jahre,
aus Harsum von dem Unterfangen
erfahren. Der sportliche Polizist, der
wie Zürner aus Dingelbe stammt,
trainierte fortan mit ihm. Als Nicht-Bergsteiger hatte er allerdings von
vornherein geplant, Zürner nur bis
zum Basislager in 6.400 Meter Höhe
zu begleiten. Doch nach 5.800 Metern
wurde Pulvermüller höhenkrank
und musste umkehren. "Das ist fast
so hoch wie der Kilimandscharo",
zollt ihm Zürner Respekt.
Er und Guggemos verbrachten im
Basislager drei Wochen, um sich zu
regenerieren und auf die schwierige
Gipfeletappe vorzubereiten. Als der
Moment gekommen war, hatte Zürner
auf 8.300 Meter Höhe Pech. Eine
Klemme an dem Seil, mit dem er
gesichert war, hatte sich festgefressen.
Es wieder loszubekommen,
bedeutete in der dünnen Höhenluft
eine riesige Anstrengung. Deshalb
entschied der Dingelber, sich auszuruhen,
und einige Stunden später
erneut aufzubrechen. Sie waren zu
viert unterwegs: Zürner, Guggemos
und für jeden ein Sherpa. Die Sherpa
sind eigentlich ein tibetischer Volksstamm,
seit aber die ersten britischen
Extremsportler und Abenteurer
sie in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts als Gehilfen bei ihren
Bergtouren eingesetzt haben, wird
der Name synonym für Träger im
Hochgebirge gebraucht.
Gipfel-Prämie für die Helfer
Für ihre Dienste bekommen sie
6.000 Euro, dazu gibt es eine Gipfelprämie
von 2.000 Euro. Das ist
wohl auch der Grund, warum Zürners
Sherpa ihn alleine zurückließ.
Diesmal tatsächlich. Auf dem Berg
ist sich jeder selbst der Nächste.
Zürner weiß das. Deswegen war
ihm klar, dass sein Freund Guggemos
mit seinem Begleiter weiterziehen
würde. "Aber mein Sherpa hätte
nicht gehen dürfen."
Morgens um 5 Uhr wollte sich
der 50-Jährige allein auf den Weg
machen. "Doch dann gab es mehrere
Zeichen, die mir zeigten, dass ich
wohl doch besser umkehren sollte."
Das erste war ein toter Tscheche,
den er wenige Meter entfernt von
seinem Zelt erblickte. Dessen Zelt
war weggeweht, und der Tote lag
nicht, sondern war in einer knieenden
Haltung offenbar festgefroren.
Dann, etwas oberhalb des Lagers,
kam ihm ein fremder Sherpa auf
dem Hintern vom Berg entgegengerutscht.
Er hatte erfrorene Hände
und Füße und konnte sich anders
nicht mehr fortbewegen.
Noch gab Zürner nicht auf. Doch
als eine Schlechtwetterfront aufkam,
kapitulierte er. Seine Kumpels
auf dem Weg zum Gipfel konnte er
vor lauter Nebel nicht mehr sehen,
er selbst hätte den Weg hin und
zurück vor Einbruch der Dunkelheit
auf keinen Fall geschafft. Und im
Dunkeln absteigen ist noch lebensgefährlicher
als alles andere. Vielleicht
eine glückliche Fügung. Denn
dass ihm sein Gehirn bereits Streiche
gespielt hatte, war ihm ja gar
nicht bewusst. "Ich hätte denken
können, dass ich mich sichere - und
tue es gar nicht", sagt Zürner.
Zurück im Basislager auf 6.400
Meter Höhe konnte der Dingelber
drei Tage nicht laufen und auch
nicht richtig sehen. Damit hatte er
es noch ganz gut erwischt. Unter
den 22 Gruppen im Basislager war
auch eine italienische, mit denen
die beiden Deutschen befreundet
waren. Unter ihnen war ein Arzt,
den Zürner eigentlich aufsuchen
wollte. Doch der hatte, wie sich
später herausstellte, einen Schlaganfall
erlitten. Ein zweiter Italiener,
mit dem sie vor dem Aufstieg noch
gefeiert hatten, war abgestürzt, ein
weiterer war von einer russischen
Gruppe geborgen worden. Er lag
wahrscheinlich auf mehr als 8.300
Metern im Schnee und wird bleibende
Schäden davontragen.
Auch Zürners Partner Peter Guggemos,
der mit einer Nepalesin verheiratet
ist, erhielt im Basislager eine
erschütternde Nachricht. Während
er von der Nordseite den Gipfel
erklommen hatte, war auf der anderen
Seite des Mount Everest seine
Schwägerin, eine erfahrene Sherpani,
ums Leben gekommen.
Wer dem Dingelber zuhört, hat
nicht das Gefühl, dass er etwas aufbauscht
oder sensationslüstern ist.
Andere würden um eine Harzwanderung
mehr Wirbel machen. Diese
Gelassenheit ist schwer zu verstehen,
zumal die Mount-Everest-Tour
den Menschen schon äußerlich verändert.
Kälte und Wind haben sich
in die Haut eingegraben, die Augen
sind geschwollen wie bei einem Boxer.
Der Wegfall der morgendlichen
Rasur tut ein Übriges. Peter Guggemos
sagte zu Zürner, als beide wieder
im Basislager waren: "Du siehst
aus wie Saddam Hussein, als er aus
dem Loch gezogen wurde."
Sorge um Gehirndefekt
In diesem bemerkenswerten Zustand
kam Dr. Saddam Zürner am
Hildesheimer Bahnhof an, wo Frau
und Tochter auf ihn warteten. Und
nicht etwa schreiend davonliefen.
"Die sind das ja gewohnt, die sind
abgehärtet." Früher als geplant, allerdings
rasiert, kehrte er wenige
Tage später an seinen Arbeitsplatz
zurück, um zu testen - auch das erzählt
er ganz sachlich - ob sein Gehirn
nicht vielleicht doch etwas abgekriegt
hat. Aber nachdem sich vor
zwei Wochen bei einem Biss auf eine
gebratene Peperoni auch der Geschmackssinn
zurückgemeldet hat,
ist er wieder ganz der Alte.
A propos alt: Für den 50-jährigen
Uwe Zürner ist klar, dass dies sein
letzter Versuch war. Im Dezember
hatte er dem KEHRWIEDER gesagt,
dass er "nicht um jeden Preis auf
den Gipfel" wolle. Er schwankt noch
etwas zwischen Enttäuschung und
der Gewissheit, trotzdem eine ganze
Menge geleistet zu haben. "Ich
hätte einer von den 500 Leuten sein
können, die dieses Jahr den Gipfel
erreichen", sagt er. "Aber auch einer
von den 20 Toten."
(erschienen im Kehrwieder am Sonntag am 8. Juli 2007)
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