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Region Hildesheim bietet beste Bedingungen für Existenzgründer
Bundesweite Studie lobt Wirtschaftsförderungsgesesellschaft Hi-Reg / Erster Platz vor Hamburg
Von Lothar Veit
HILDESHEIM/BERLIN. Es war nicht
der schlechteste Tag für Friedrich
Brinkmann. Der Geschäftsführer der
Wirtschaftsförderungsgesellschaft
Hildesheim Region (Hi-Reg) ist am
Donnerstag mit Lob und Dank überschüttet
worden. Denn die Gesellschaft,
die in Niedersachsen schon
länger als vorbildlich gilt, hat ihren
spektakulärsten Erfolg eingefahren:
Hildesheim ist bei einem bundesweiten
Vergleich als gründerfreundlichste
Region ausgezeichnet worden.
Maßgeblichen Anteil daran hat
laut dem Wirtschaftswissenschaftler
Rolf Sternberg die Hi-Reg.
Pressekonferenz im Kreishaus.
Der Leiter des Instituts für Wirtschafts-
und Kulturgeographie an
der Leibniz Universität Hannover
hat eine knappe Stunde Zeit, um
Journalisten, dem Landrat und Hildesheims
Oberbürgermeister die Ergebnisse
seiner Studie vorzustellen.
Professor Sternberg ist seit einigen
Jahren an einer weltweiten Analyse
von Gründungsaktivitäten beteiligt.
Man kennt die Klischees: Amerikaner
sind im wahrsten Sinne des
Wortes unternehmungslustiger, der
Deutsche ist gern auf der sicheren
Seite. Beides lässt sich tatsächlich
wissenschaftlich untermauern.
Die internationale Langzeituntersuchung
nennt sich "Global Entrepreneurship
Monitor", Sternberg
leitet seit 1998 das Länderteam
Deutschland. Dieses Jahr beauftragte
ihn die arbeitgebernahe Initiative Neue Soziale
Marktwirtschaft, seine Ergebnisse
zu verfeinern. Er sollte
eine Gründungs-Rangliste der 97
deutschen Regionen aufstellen. Dafür
nutzte Sternberg die Daten, die
ihm bereits vorlagen. Für die internationale
Studie wurden von 1999
bis 2006 über 56.000 Interviews in
repräsentativ ausgewählten deutschen
Haushalten geführt.
Das Gründungsklima einer Region
wurde aus vier Faktoren ermittelt:
1. Wie viele Personen planen
eine Unternehmensgründung? 2.
Wie viele haben ein junges Unternehmen
am Markt (höchstens seit
dreieinhalb Jahren)? 3. Wie viele
Gründer haben ihr Unternehmen gegründet,
weil sie eine Marktchance
gesehen haben (und sich nicht etwa
aus nackter Existenznot in eine
Ich-AG flüchteten)? 4. Wie ist das
rechnerische Verhältnis zwischen
jungen und etablierten Gründern?
Aus den vier Faktoren wurde ein
Mittelwert gebildet, bei dem maximal
eine Gesamtpunktzahl von 100
erreicht werden konnte.
Sieger mit großem Vorsprung
Mit 90,18 Punkten liegt Hildesheim
mit großem Vorsprung an der
Spitze - vor Hamburg (76,35) und
der Region Bodensee (73,90). Bei
der Präsentation der Ergebnisse am
Mittwoch in Berlin waren sich alle
einig: Hildesheim ist der Überraschungssieger.
Denn die Untersuchung
hatte auch ergeben, dass die
Mehrheit der befragten Hildesheimer
zwischen 18 und 64 Jahren der
Selbstständigkeit eher skeptisch gegenübersteht.
Gerade einmal 12,4
Prozent glaubten, dass sich eine
Unternehmensgründung in der Region
lohne, 48,8 Prozent hatten
Angst vor dem Scheitern.
Da Stadt und Landkreis Hildesheim
außerdem weder zu den Hightech-Hochburgen noch zu den Gebieten
mit besonders niedriger Arbeitslosigkeit
zählen, wurden die
Wissenschaftler um Professor Sternberg
neugierig. Und fanden Ursachen
in einem tief greifenden Strukturwandel
Ende der 80er-Jahre.
Große Industrieunternehmen lagerten
ihre Produktion ins billige Ausland
aus, 30 Prozent der Arbeitsplätze
in diesem Bereich gingen
verloren. Allein der Bosch-Konzern
strich seit Anfang der 90er-Jahre
mehr als 10.000 Beschäftigungsverhältnisse,
andere zogen nach.
Das hatte Folgen: Der Verlust von
sicheren Arbeitsplätzen und eine
dadurch mäßige Lohnentwicklung
ließen die Selbstständigkeit plötzlich
als ernstzunehmende Alternative
erscheinen. Für regionale Dienstleistungen
gab es durchaus einen
Markt. Dass diese Entwicklung in
geordneten und fruchbaren Bahnen
ablief, ist laut der Gründerstudie
ein Verdienst der Hi-Reg.
Am Anfang stand ein regionales
Entwicklungskonzept, mit dem der
Mittelstand und Existenzgründungen
gefördert werden sollten. Um
dies zu erreichen, schlossen sich
Bildungsträger, Kammern, Arbeitsagentur,
Hochschulen und nicht
zuletzt die Sparkassen und Volksbanken
zusammen. Als so genannter
Gründerlotse wurde die Hi-Reg
ins Leben gerufen. Ziel: Die Hi-Reg
sollte das Institutionen- und Bürokratie-Geflecht entwirren, damit angehende
Unternehmer sich auf ihre
Geschäftsidee konzentrieren konnten.
"Wir wollten die Gründer aber
nicht an die Tränke tragen", sagt
Hi-Reg-Prokurist Matthias Ullrich,
"sondern ihnen Hilfe zur Selbsthilfe
geben." Sie sollten keine Zeit damit
vergeuden, den jeweils Zuständigen
für ihr Anliegen zu suchen.
"Bei unserer Beratung haben wir
die Hürden bewusst etwas
höher gelegt", so Ullrich, "um
auf diese Weise weniger ernst gemeinte
Gründungsvorhaben herauszufiltern."
Denn wer mit seiner
Idee baden gehe, reiße unter Umständen
die Geschäftspartner gleich
hinterher. In Berlin wurde diese Initiative
am Mittwoch als "Hildesheimer
Modell" gefeiert, als "Förderung
aus einem Guss", die in ganz
Deutschland Schule machen sollte.
Doch das sei nicht ohne Weiteres
möglich, sagt der Wirtschaftswissenschaftler
Sternberg: "Es ist alles
andere als selbstverständlich, dass
die verschiedenen Institutionen so
an einem Strang ziehen, wie sie es
offenbar in Hildesheim tun."
Wachstum nicht zwangsläufig
Ob das positive Gründungsklima
auch zu mehr Arbeitsplätzen führt,
konnte in der Studie nicht untersucht
werden. Eine Unternehmensgründung
müsse nicht zwangsläufig
Wachstum bedeuten, so Sternberg.
Schon jetzt aber sei der Imagegewinn
für die Region zu spüren,
berichtet Prokurist Ullrich. Er habe
bereits einen Tag nach Veröffentlichung
der Studie mehrere Reaktionen
erhalten. Per E-Mail kam ein
Glückwunsch aus London - dort
hatte die Financial Times berichtet.
Und ein Unternehmer aus Nordrhein-Westfalen überlegt, ob er sich
in Hildesheim ansiedelt.
Alle Ergebnisse im Internet:
www.insm-gruenderranking.de
(erschienen im Kehrwieder am Sonntag am 21. Oktober 2007)
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