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Der Mann, der aus Schwalbenscheiße Gold macht
Gert Ziesemann von der Sehlemer Firma Kreidezeit muss anbauen
Von Lothar Veit
SEHLEM. Jedes Jahr 20 Prozent
mehr Umsatz. Bei den meisten Unternehmern
würde wohl pausenlos
das Eurozeichen in den Augen blinken,
Gert Ziesemann von der Sehlemer
Firma Kreidezeit ist sein Erfolg
"ein bisschen unheimlich". Zurzeit
baut er eine neue 400 Quadratmeter
große Halle für Lager und Vertrieb.
Die Aufträge aus Frankreich
und Japan nehmen zu, er hat einfach
keinen Platz mehr.
Die 25 Kreidezeit-Mitarbeiter sind
spezialisiert auf Farben und Putze
aus natürlichen Rohstoffen. Denkmalpfleger
gehören zu den Hauptkunden:
Das Bundespräsidialamt in
Berlin, Residenzschloss und Goethehaus
in Weimar, das Hundertwasser-
Gymnasium in Wittenberg und
jüngst Schloss Sanssouci sind mit
Naturfarben aus Sehlem restauriert
worden. Auch Gebäude in Moskau
und Japan wurden bereits mit Kreidezeit-
Produkten veredelt.
Beste Referenzen, beste Wachstumschancen
- und doch ist diese
Firma ganz anders als viele, über die
man so oft in den Zeitungen liest.
Ziesemann sitzt gemütlich mit seiner
Pfeife an einem großen runden
Tisch in einer Halle, die gleichzeitig
Chefbüro und Seminarraum ist. Ab
und zu klingelt das Telefon, ab und
zu schaut ein Mitarbeiter vorbei.
Alles sehr entspannt. Überhaupt, die
Mitarbeiter. Sie wirken ausgeglichen
und zufrieden, die bevorstehende
Expansion nach Japan, Russland
oder Sonstwohin sieht man ihnen
nicht an. Dass nebenan gerade
diese neue Halle für rund 250.000
Euro gebaut wird, scheint das Normalste
von der Welt zu sein.
"Meine Leute wissen, was sie haben,
sie fühlen sich sauwohl hier",
sagt der Chef. "Sie haben eine 37,5-
Stunden-Woche, werden anständig
bezahlt, bekommen Urlaubs- und
Weihnachtsgeld - und manchmal
noch was obendrauf." Wie kann das
sein in einer Zeit von Massenentlassungen,
Insolvenzen und Heuschrecken?
"Wir wollen gar nicht
reich werden, sondern von unserer
Arbeit leben", sagt Ziesemann.
Deshalb macht er aus Prinzip keine
Werbung. "Dann würde der Betrieb
ja noch schneller wachsen, das
ist ungesund." In Fachkreisen hat
sich der gute Ruf von Kreidezeit ohnehin
längst herumgesprochen. Im
vergangenen Frühjahr druckte das
Wirtschaftsmagazin "Brand Eins"
ein fünfseitiges, opulent bebildertes
Portrait über die Firma. Auch Fernsehteams
waren bereits da.
Mit seinen Naturfarben beliefert
der Betrieb rund 200 Läden. Immer
wieder fragen auch mal Baumärkte
an. Denen gibt Ziesemann einen
Korb, er beliefert sie nicht. "Ist vielleicht
etwas arrogant", sagt Ziesemann
und lacht. Aber vor allem ist
es die Geschäftsphilosphie. "Sonst
würden wir den Händlern vor Ort
die Beine weghauen."
Baumärkte gehen leer aus
Die Baumärkte würden versuchen,
über die Abnahme von großen
Mengen die Preise zu drücken,
darauf habe er keine Lust. Als neulich
wieder ein Baumarktmensch
anrief und der Kreidezeit-Gründer
ihn abblitzen ließ, war erstmal eine
Minute Stille in der Leitung. "Das
macht Spaß", sagt der 57-Jährige.
Wenn die profitorientierten, gewinnmaximierungssüchtigen
Ökonomen
ihn für einen Spinner halten,
umso besser.
"Ich kriege dauernd unsittliche
Angebote von Leuten, die die Firma
übernehmen wollen", sagt Ziesemann.
Doch ein Verkauf kommt für
ihn nicht in Frage. Um die Zukunft
seines Lebenswerkes ("das ist‘n blödes
Wort") muss dem Sehlemer
nicht bange sein. Seine 22-jährige
Tochter studiert Chemie, die anderen
beiden, 33 und 19 Jahre alt, arbeiten
bereits im Betrieb mit.
Sie sind mit Ziesemanns Art, Geschäfte
zu machen, groß geworden.
Dazu gehört auch ein ungewöhnlicher
Zusatz auf den Lieferscheinen:
"Schwalbenscheiße ist kein Reklamationsgrund."
Ein Kunde hatte
sich einmal über eine verschmutzte
Verpackung beschwert. Im Kreidezeit-
Lager haben sich aber nun mal
Schwalben häuslich eingerichtet.
Ziesemann gewährt ihnen Asyl. Er
findet sogar: "Statt diesem besoffenen
blauen Engel sollte Schwalbenscheiße
als Nachweis für eine umweltfreundliche
Firma gelten."
Der Sehlemer will nicht nur nicht
reich werden, er gibt sogar noch etwas
von seinen Einkünften ab - in
Abstimmung mit den Mitarbeitern.
"Wir haben alte Handwerkstraditionen
aus Afrika übernommen. Afrika
darf für uns aber nicht die Funktion
haben, dass wir unseren Kontostand
erhöhen." Also arbeitet jeder
Mitarbeiter freiwillig eine Stunde
umsonst. Mit dem Geld werden Esel
für alleinerziehende Mütter in Eritrea
gekauft. Weil viele Brunnen in
dem kriegsgeschüttelten Land zerbombt
sind, müssten die Frauen
sonst Tag für Tag stundenlang einen
20-Liter-Wasserkanister auf
dem Rücken nach Hause tragen.
Auch Hebammen sollen Esel bekommen.
"Aber nur solche, die keine
Beschneidungen machen", sagt
Ziesemann.
"Soziale Verantwortung"
könnte als große Überschrift über dem unternehmerischen
Tun des 57-Jährigen stehen.
Sie fängt in Sehlem an und
hört in Eritrea längst nicht auf.
(erschienen im Kehrwieder am Sonntag am 14. Januar 2007)
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