"Mensch, Luise, das ist ja schön hier!"

Bethelnerin reist mit ihrer 90-jährigen Mutter durch halb Deutschland

Von Lothar Veit

BETHELN. Die Verwandten hielten es erst für eine verrückte Idee: Die fast 90-jährige Mutter, Großmutter und Urgroßmutter in ein Wohnmobil verfrachten und dann quer durch die halbe Republik kurven? Katharina Münzner aus Betheln hat sich mit ihrer Mutter Luise Höbel trotz aller Bedenken auf den Weg gemacht. Inzwischen mehrmals. "Ich habe meine Mutter selten so glücklich gesehen", sagt sie.

Anfang Mai flatterte eine Einladung ins Haus. Luise Höbel sollte für langjährige Mitgliedschaft von ihrem Sportverein geehrt werden. Kleiner Haken: Es handelte sich um ihren früheren Club in Lindenfels bei Heidelberg - rund 400 Kilometer von Betheln entfernt. Als 2002 ihr Mann verstarb, zog Luise Höbel zu ihrer Tochter ins Hildesheimer Land. Ihr bisheriges Leben hatte sie in Süddeutschland verbracht.

Tochter Katharina Münzner hatte eine Idee: Sie mietete ein Wohnmobil und stellte mit ihrer Freundin eine Checkliste zusammen. Rollator, Wärmflasche, Verpflegung - an alles dachten die beiden. Bett und Toilette sind ohnehin Standard in einem Wohnmobil - auch wenn das Modell den putzigen Namen "Kleiner Nasenbär" trägt. Derart perfekt ausgestattet ging es auf die Reise. "Die Fahrt war eine einzige Freude, das spiegelte sich in den Augen meiner Mutter wider."

Also wurde die nächste Expedition geplant. Am 25. Mai stand der 90. Geburtstag von Luise Höbel an. Große Menschenmengen kann sie nicht mehr so gut ertragen. Wenn viele Leute durcheinanderreden, gehen die Gespräche an der altersdementen Frau vorbei. Deshalb drehte die Tochter den Spieß um und organisierte unter dem Motto "Stationen eines langen Lebens" eine Geburtstagstournee.

Mit sechs Geschwistern wuchs die Jubilarin auf, ihr Mann war einer von acht Brüdern - klar, dass es da einiges an Verwandtschaft abzuklappern galt. So führte die Route über Mülheim/Ruhr, Dortmund, Frankfurt und Höxter. Bereits unterwegs ergaben sich nette Begegnungen auf einem Rastplatz für Wohnmobile. "Zuerst tuschelten die Leute", erzählt Katharina Münzner. Als sich einer der Camper etwas borgen wollte, traute er sich dann doch, nach der alten Dame im Rückraum des Gefährts zu fragen. "Als wir ins Gespräch kamen, fanden sie unsere Aktion toll."

Etwas schwieriger war es, die eigenen Verwandten zu überzeugen. Sie plagte die Sorge, die Reise könne entwürdigend und eine Überforderung für das betagte Geburtstagskind sein. Doch auch sie durften feststellen, dass sie die 90-Jährige so entspannt und lebensfroh wie lange nicht mehr antrafen. Die beiden Urenkeltöchter waren begeistert von ihrer Uroma. Einige ältere Freundinnen krabbelten neugierig in das Wohnmobil und waren ebenfalls voll des Lobes: "Mensch, Luise, das ist ja schön hier!" Das Geburtstagsfrühstück wurde natürlich im Wagen serviert. Und auch ein Fläschchen Sekt war an Bord.

Restlos überzeugt waren die Verwandten immer noch nicht. "Vor allem die Männer fragten mich, ob ich keine Angst hätte, mit diesem großen Auto zu fahren", so Münzner. Hat sie nicht. Inzwischen ist sie sogar auf den "Großen Nasenbär" umgestiegen, der noch mehr Platz und Komfort bietet.

Nächste Tour ist in Planung

Das einzige, was am Ende knapp wurde, war die Zeit. Deswegen ist die nächste Tour schon in Planung. Sie führt ins Sauerland und in den Schwarzwald, vielleicht auch noch an die See. "Meine Mutter erkennt zwar nicht mehr jeden, aber die Eindrücke von den Reisen sind lebensverlängernd", ist die Tochter überzeugt. Luise Höbel freut sich schon: "In dem Auto habe ich alles, was ich brauche", sagt sie.

Nachdem Katharina Münzner erfahren hat, was die Ausflüge bei ihrer dementen Mutter bewirken, will sie anderen Angehörigen Mut machen, einmal etwas Ähnliches auszuprobieren. Es gebe auch behindertengerechte Wohnmobile, sagt die 58-Jährige, die für die Diakonie Behinderte betreut. Diese Modelle seien mit absenkbaren Toiletten, mehreren Haltegriffen und einer Hubvorrichtung für Rollstühle ausgestattet.

(erschienen im Kehrwieder am Sonntag am 11. Februar 2007)

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