"Wunden sind bis heute geblieben"

Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des 17. Juni 1953

Von Lothar Veit

BRUMBY. "Nie wieder darf es sein, dass eine Ideologie zur Staatsdoktrin erhoben wird und Menschen wegen ihrer Meinung unterdrückt werden." Pfarrer Gottfried Eggebrecht fand eindringliche Worte bei der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des 17. Juni in der Brumbyer Kirche. Aber nur etwas mehr als 30 Menschen waren gekommen, um sie zu hören.

In der St. Petri-Kirche fand am Dienstag offenbar die einzige Gedenkveranstaltung im Landkreis Schönebeck statt. Ausdrücklich waren auch die Bürger aus den umliegenden Orten eingeladen worden. Doch während man sich in diesen Tagen den vielen Dokumentationen im Fernsehen zum Arbeiteraufstand kaum entziehen kann, blieben die wenigen Brumbyer unter sich.

Als hätte Pfarrer Eggebrecht das geahnt, machte er die nach 50 Jahren immer noch vorhandene Sprachlosigkeit in seiner Ansprache zum Thema: "Ich gestehe, dass ich selbst einige Male nachgedacht habe, ob ich mich der Gefahr aussetzen sollte, mir öffentlich den Mund zu verbrennen." Aber irgendetwas habe ihn dann doch dazu getrieben. Der Theologe ist überzeugt: "Geschehenes Unrecht muss auch Unrecht genannt werden."

Worin das Unrecht bestand, daran ließ Eggebrecht keinen Zweifel: "Wir wissen, wie willkürlich und unrechtmäßig der Machtapparat der DDR unter der Leitung der SED gehandelt hat. Menschen wurden verurteilt, weil sie so mutig waren, einem totalitären Regime die Machtfrage zu stellen." Doch der Pfarrer verfiel nicht in simple Schwarz-Weiß-Malerei. Die Beurteilung der Geschehnisse werde viel komplizierter, wenn man die Einzelschicksale betrachte, sagte er. "Wir werden den Menschen mit ihrem Lebensweg und den Ereignissen nicht gerecht, wenn wir sie einteilen in Täter und Opfer."

Seine Gedanken bezog der Theologe auf Worte des Apostels Paulus: "Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden." Dies sei nicht als Drohung zu verstehen, sondern vielmehr als Entlastung. "Unsere Beurteilung ist Stückwerk", so der Brumbyer Pfarrer. Natürlich müsse es die Aufgabe unabhängiger Gerichte bleiben, Recht zu sprechen. "Doch die abschließende Beurteilung über das Leben eines Menschen liegt bei Gott." Bei besinnlicher Musik von Jürgen Sostawa (Orgel) und Antje Pradelt (Querflöte) konnten diese Worte nachklingen.

"Planmäßiger Aufbau des Sozialismus"

In einem geschichtlichen Abriss ließ Gottfried Eggebrecht die Ereignisse um den 17. Juni 1953 Revue passieren. Im Juli 1952 beschloss die SED den "planmäßigen Aufbau des Sozialismus nach dem Vorbild der Sowjetunion". Damit war im Sprachgebrauch der Partei gemeint: Aufbau der Schwerindustrie, Kollektivierung der Landwirtschaft, Stärkung der Staatsmacht und die Organisierung militärischer Streitkräfte. So lautete die offizielle Zielstellung, führte der Pfarrer aus, doch was sei daraus geworden? "Die Planwirtschaft verhinderte ein Aufblühen der Industrie. Auf dem Land, auch in Brumby, verloren viele Landwirte ihren Hof durch Zwangskollektivierung."

Auch die Kirche sei von Repressalien nicht ausgenommen gewesen. Das mag erklären, warum sie sich so bedeckt hielt, als die Arbeiterproteste begannen. Die Kirche vermied eine klare Positionierung und spielte 1953 eine weitaus geringere Rolle als etwa im November 1989. So kümmerte sie sich vorwiegend um ihre eigenen Probleme mit dem Regime, während die Arbeiter immer unzufriedener mit ihren Arbeitsbedingungen wurden.

Die Erhöhung der Arbeitsnorm um 10 Prozent, den die SED am 28. Mai 1953 beschlossen hatte, brachte das Fass zum Überlaufen. Als sich die Demonstrationszüge längst formiert hatten und das Politbüro die Rücknahme der Normerhöhungen verkündete, ging diese Entscheidung in den inzwischen weiter reichenden Forderungen unter: Rücktritt der Regierung Ulbricht und freie, demokratische Wahlen. Auch in Brumby entlud sich der Volkszorn. Und die Brumbyer waren ebenfalls betroffen von der gewaltsamen Niederschlagung des Aufstands durch sowjetische Truppen und die anschließenden Schauprozesse im ganzen Land.

"Viele wollen nicht darüber sprechen"

Elf Männer aus Brumby wurden verurteilt und kamen ins Zuchthaus nach Magdeburg. "Wunden sind bis heute geblieben", so Pfarrer Eggebrecht, "aber wir dürfen nicht schweigen." Bewusst hatte der Geistliche die Vorgänge in Brumby nur vage beschrieben. "Viele wollen nach wie vor nicht über die Ereignisse sprechen", sagte Eggebrecht nach der Gedenkfeier gegenüber der Volksstimme. "Deswegen waren heute auch nur so wenig Leute hier." Gerade in einem Dorf wie Brumby wisse halt jeder von jedem, auf welcher Seite er damals gestanden habe.

Erschreckend ist für den Vater zweier Söhne auch, dass diese im Geschichtsunterricht zwar inzwischen im Jahr 1968 angekommen seien, der 17. Juni 1953 aber keine Rolle gespielt habe. "Man kann die Zukunft doch nur gestalten, wenn man die Geschichte kennt", ist sich Eggebrecht sicher.

(erschienen in der Schönebecker Volksstimme am 19. Juni 2003)

zurück

© 2001-2012 >> WebDesign: Lothar Veit, Hildesheim