Stundenlohn unter fünf Euro ist "sittenwidrig"

Reformen am Arbeitsmarkt: Der Zerbster Arbeitsamtsleiter im Gespräch

Von Lothar Veit

Arnulf Redeker, Leiter des Zerbster Arbeitsamtes. Foto: Lothar Veit ZERBST. Es war kein gutes Jahr für die Bundesanstalt für Arbeit. Viele kleine und größere Skandälchen haben für Schlagzeilen gesorgt, im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit wurde dagegen wenig erreicht. Nun sollen die Zumutbarkeitsregeln für Langzeitarbeitslose verschärft werden. Der Leiter des Zerbster Arbeitsamtes, Arnulf Redeker, warnt vor Panikmache: "So viel ändert sich gar nicht."

Der von Regierung und Opposition ausgehandelte Kompromiss, der vor kurzem in einer Marathon-Sitzung des Deutschen Bundestages beschlossen wurde, sieht vor, dass Langzeitarbeitslose künftig grundsätzlich jede legale Arbeit annehmen müssen - auch wenn die Entlohnung unterhalb der ortsüblichen Tarife liegt. Kritiker der Arbeitsmarkt-Reformen befürchten deshalb die Zunahme von Dumpinglöhnen.

Diese Sorge teilt Arnulf Redeker nicht: "Es muss jede Arbeit angenommen werden, die nicht sittenwidrig ist", sagt er. Der Begriff "sittenwidrig" bezieht sich dabei nicht etwa auf die Art des Gewerbes, sondern auf die Höhe des Stundenlohns. Dieser sei nur dann gesittet, wenn er ab fünf Euro aufwärts beträgt. "Das ist eigentlich nichts Neues", meint der Leiter des Zerbster Arbeitsamtes. Auch das "Muss" ist relativ: "Wir können unseren Kunden nur Tätigkeiten vorschlagen. Die können sie annehmen oder nicht." Wer ablehne, müsse allerdings künftig schneller damit rechnen, dass ihm Leistungen gekürzt werden.

Wie bisher gelte der Grundsatz, dass ein Job dann zumutbar sei, wenn das Nettoentgelt nicht niedriger ausfällt als die Höhe des jeweiligen Arbeitslosengeldes. Was ist aber, wenn künftig Sozial- und Arbeitslosenhilfe zusammengelegt werden - und das neue so genannte "Arbeitslosengeld II" weniger beträgt als vorher? "Das wäre dann natürlich eine Verschlechterung", räumt Arnulf Redeker ein, "aber bislang kenne ich die Neuregelungen auch nur aus der Presse und kann keine konkreteren Auskünfte geben." - Ein Kernproblem der Mammutbehörde "Bundesanstalt für Arbeit", die auch nicht dadurch plötzlich übersichtlicher wird, wenn sie sich künftig "Agentur" nennt.

Sobald das zuständige Bundesministerium eine Neuregelung vorstellt, werde zunächst die Zentrale in Nürnberg informiert, diese gibt ihr Wissen an die Landesarbeitsämter weiter, welche wiederum dafür sorgen müssen, dass alle Arbeitsämter vor Ort auf dem neuesten Stand sind. "Journalisten haben da manchmal bessere Quellen und erhalten die Informationen direkt vom Ministerium, bevor sie bei uns ankommen", sagt der Arbeitsamtsleiter achselzuckend.

"Ich kann den Ärger um die Millionenbeträge verstehen"

Erschwerend hinzu kommt das derzeit arg lädierte Image der Bundesanstalt für Arbeit. "Es ist natürlich nicht angenehm, wenn wir uns von unseren Kunden ständig Bemerkungen anhören müssen", bestätigt Arnulf Redeker, "aber wir machen unsere Arbeit hier vor Ort. Ich rechne es meinen Kolleginnen und Kollegen hoch an, dass sie einfach weitermachen." Wenn sich die "Kunden", also die Arbeitslosen, darüber aufregen, dass in der Nürnberger Zentrale mit Millionenbeträgen hantiert werde, könne der Zerbster Amtsleiter das verstehen. Zumal sich die Kritik im vergangenen Jahr häufte, vor allem die an Florian Gerster, dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesanstalt: Da gab es Vorwürfe wegen des exklusiven Umbaus seines Büros, eine Debatte um 900 bei BMW bestellte Dienstwagen und nicht zuletzt einen Skandal um einen nicht öffentlich ausgeschriebenen Beratervertrag in Höhe von 1,3 Millionen Euro.

Für Wirbel sorgte auch die Einführung des neuen Internetportals www.arbeitsagentur.de - die Gesamtentwicklungskosten betrugen gigantische 77 Millionen Euro. Als zum Starttermin am 2. Dezember rund eine Million Nutzer das Angebot testen wollten, brach es zusammen. Auch bei Arnulf Redeker klappte der Zugriff auf die Seiten nicht. Die Bundesanstalt für Arbeit begründete diesen Flop in einer Pressemitteilung mit dem "unerwartet großen Interesse". Bleibt die spannende Frage, warum man 77 Millionen Euro investiert, wenn kein großes Interesse erwartet wird.

Arnulf Redeker übt sich in Gelassenheit: "Große Behörden sind ja generell verpönt, und wir sind halt die größte." Über seinen obersten Chef weiß er aber auch Positives zu berichten: "Wenn ich mir ansehe, was Florian Gerster in kurzer Zeit angeschoben hat, damit unsere Arbeit besser und schneller wird, dann ist das enorm." Beratung von außen sei im Übrigen nötig, verteidigt Redeker grundsätzlich derartige Verträge. "McKinsey und Roland Berger sind renommierte Firmen - dass die Geld kosten, ist klar", sagt er.

Der Zerbster Geschäftsstellenleiter sieht seine Behörde auf dem richtigen Weg. Redeker: "Seit unser Leistungsbereich und die Arbeitsvermittlung räumlich getrennt sind, müssen die Kunden nicht mehr so viel hin und her laufen. Die Wartezeiten wurden dadurch erheblich verkürzt." Von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern habe er ebenfalls gehört, dass die Kunden zufriedener seien. Er selbst habe neulich sogar ein Dankesschreiben für die gute Beratung bekommen. Nun muss schleunigst das Hauptproblem gelöst werden, an dem das Arbeitsamt unschuldig ist: Wo kommen neue Arbeitsplätze her? Auch der Dankesschreiber konnte bislang leider nicht vermittelt werden.

(erschienen in der Zerbster Volksstimme am 30. Dezember 2003)

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