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"Wir müssen den Scherbenhaufen zusammenkehren"
Volksstimme-Interview mit dem Sprecher der IG-Metall-Bezirksleitung Niedersachsen/Sachsen-Anhalt über die Folgen des Metallerstreiks im Osten
Von Lothar Veit
Welche Folgeschäden hat der gescheiterte Arbeitskampf der IG Metall um die
35-Stunden-Woche in Ostdeutschland? Für die Volksstimme sprach Lothar Veit
mit dem Sprecher des IG-Metall-Bezirks Niedersachsen/Sachsen-Anhalt, Jörg Köther.
Volksstimme: Der Arbeitskampf der IG Metall in den ostdeutschen
Bundesländern ist auf der ganzen Linie gescheitert. Viele Streikende sind
verärgert, weil der Streik "von oben" abgebrochen wurde. Wie bewerten Sie
die Entscheidung des IG-Metall-Vorsitzenden Klaus Zwickel?
Jörg Köther: Sie vergessen, dass wir mit dem Tarifabschluss in der
Stahlindustrie zur 35-Stunden-Woche einen bedeutenden Teilerfolg erzielt
haben. Mit den Arbeitgebern in der Metallindustrie hingegen war keine
Einigung innerhalb des Flächentarifvertrages möglich, und der Streik wurde
abgebrochen. Aber es war keine Entscheidung "von oben". Klaus Zwickel hat
eine Empfehlung abgegeben, die Entscheidung lag letztlich bei der
Streikleitung.
Volksstimme: Was ist mit dem Unmut der Arbeitnehmer?
Köther: Die Enttäuschung der Kolleginnen und Kollegen ist verständlich.
Viele akzeptieren aber die Entscheidung, den Streik abzubrechen, so bitter
das auch ist.
Volksstimme: Klaus Zwickel begründet den Streikabbruch auch mit dem
schwindenden Rückhalt in der Gesellschaft. Wie erklären Sie sich die
Tatsache, dass die Gewerkschaften zunehmend nicht mehr als
Interessenvertreter der Arbeitnehmerschaft, sondern vielmehr als
realitätsferne Blockierer gesehen werden?
Köther: Es gibt aus der Frühphase des Arbeitskampfes durchaus Umfragen, nach
denen es eine hohe Zustimmung für den Streik gab. Die ist im Laufe der
Auseinandersetzung abgebröckelt. Es ist uns nicht gelungen, das Stichwort
Gerechtigkeit, das ja der Forderung nach gleichen Arbeitsbedingungen in Ost
und West zugrunde liegt, in der Öffentlichkeit zu platzieren. Es ist
vollends unter die Räder der ökonomischen Argumente geraten.
Volksstimme: Viele Arbeitnehmer sagen: "Ich bin froh, dass ich überhaupt
einen Job habe." Kommt die Forderung nach der 35-Stunden-Woche zur Unzeit?
Köther: Die wirtschaftliche Lage hätte einen Stufenplan zugelassen. Wir
sehen ja in der Stahlindustrie, dass vertretbare Abschlüsse durchaus möglich
sind. Außerdem kann doch niemand die wirtschaftliche Situation von 2009
vorhersagen. Bis dahin soll die 35-Stunden-Woche schrittweise umgesetzt
werden. In Härtefällen hatten wir außerdem Übergangslösungen vorgesehen. Das
stieß aber am Ende bei den Arbeitgebern auf taube Ohren.
"Die Frage ist: Warum verlieren wir Mitglieder im Osten?"
Volksstimme: Ihre Kritiker bemängeln vor allem, dass den Gewerkschaften die
Legitimation fehlt, für alle Arbeitnehmer zu sprechen. Wenige
Gewerkschaftsmitglieder entscheiden über einen Streik, der dann alle
betrifft. Reicht die Legitimation der IG Metall noch aus, um ihre Rolle als
Tarifpartei angemessen wahrnehmen zu können?
Köther: Wollen Sie, dass sich die Gewerkschaften auflösen? Aber im Ernst:
Wenn gut 80 Prozent unserer Mitglieder der Meinung sind, wir sollen in den
Arbeitskampf gehen, ist das eine ordentliche Mehrheit. Die berechtigte Frage
ist: Wie hoch ist unser Organisationsgrad im Osten? Warum verlieren wir
Mitglieder? Die Metallindustrie ist durch die steigende Arbeitslosigkeit
allerdings auch stark geschrumpft.
Volksstimme: Der Mitgliederschwund ist aber kein reines Ostproblem. Hat es
nicht doch eher mit Ihrer Strategie zu tun?
Köther: Man muss das differenziert betrachten. Im Westen verlieren wir kaum
Mitglieder. Außerdem müssten nach dieser Logik andere Gewerkschaften, die
sich partnerschaftlicher geben, mehr Mitglieder haben. Das ist aber nicht
der Fall.
Volksstimme: Selbst Betriebsratsvorsitzende haben sich öffentlich gegen die
harte Haltung der IG Metall bekannt. Welche Konsequenzen zieht die
Gewerkschaft daraus?
Köther: Eine große Organisation wie die IG Metall muss solche Abweichungen
verkraften. Es gibt insgesamt mehr zustimmende Meinungen.
Volksstimme: Sie meinen, die Presse veröffentlicht ausschließlich die
Meinung der Streik-Gegner?
Köther: Die Kritiker finden sicherlich mehr Gehör in den Medien.
Volksstimme: Der Unions-Fraktionsvize im Bundestag, Friedrich Merz, fordert ein Gesetz, mit dem man Streiks künftig
gesetzlich verbieten lassen kann.
Köther: Herr Merz versucht die Einschränkung von Gewerkschaften auf dem
Rücken unseres Misserfolgs weiter voranzutreiben. Das ist Unsinn. Streik ist
kein nationales Unglück. Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es bei uns
sogar wenig Streiks.
Volksstimme: Die Forderungen nach personellen Konsequenzen wollen dennoch
nicht verstummen. Sollten IG-Metall-Vize Jürgen Peters und der
Verhandlungsführer Hasso Düvel zurücktreten?
Köther: Die simple Forderung: Rücktritt - und schon ist das Problem gelöst,
greift eindeutig zu kurz. Aber wir müssen jetzt den Scherbenhaufen
zusammenkehren und eine kritische inhaltliche Aufarbeitung betreiben.
Personaldebatten sind da fehl am Platze.
"Wir haben den Stimmungswandel nicht vorhergesehen."
Volksstimme: Wo lagen ganz konkret die Fehler?
Köther: Wir haben uns gehörig verschätzt, was die Platzierung unserer Themen
und Forderungen in der Öffentlichkeit angeht. Wir haben auch den
Stimmungswandel während der Streikphase nicht vorhergesehen. Hier wäre
Medienschelte sicher zu billig. Ich finde es allerdings auch erstaunlich,
dass sich jetzt Metallerkollegen aus Essen oder Bochum aufschwingen und
alles besser wissen wollen.
Volksstimme: Was bedeutet der Streikabbruch insgesamt für die
Wirtschaftsregion Ost?
Köther: Grundsätzlich halten wir am Flächentarifvertrag fest. Es gibt aber
Arbeitgeber, die diese Geschäftsgrundlage in Frage stellen. Die Problemlagen
der ostdeutschen Metallindustrie sind vielfältig und haben nicht nur etwas
mit den Arbeitskosten zu tun. Es reicht von Problemen mit der Infrastruktur
bis zur Kreditversorgung. Auch dafür müssen Antworten gefunden werden.
Volksstimme: In welchem Zeitrahmen?
Köther: Schnell.
(erschienen im Wirtschaftsteil der Magdeburger Volksstimme am 3. Juli 2003)
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