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"Schlimmer als der Krieg war der Rassismus in der Schule"
Ergreifende Lesung von Jamila Hassan im neu eröffneten Dorfclub Zens
Von Lothar Veit
ZENS. Mit fester und sachlicher Stimme liest Jamila Hassan vor, wie einem kleinen Jungen beide Hände abgehackt werden, weil er ein Brot gestohlen hatte. Er schreit wie am Spieß. Die Armstümpfe werden ihm danach in kochendes Öl getaucht. Er fleht seine Peiniger an, sie sollen ihn lieber erschießen. Vor Schmerzen wird er bewusstlos.
Jamila hat das alles beobachten müssen. In Afghanistan, im Frühjahr
1992, als Mudschahedin-Gruppen die Macht übernommen hatten. Jamila heißt im
Buch Jamo. Unter dem Titel "Jamos lange Reise" hat sie ihr Leben
aufgeschrieben und liest daraus im Dorfclub Zens vor. Mit knapp 50 Zuhörern
ist der Veranstaltungsraum am Dienstag restlos gefüllt. Durch das Publikum
geht beim Vortrag der heute 22-Jährigen immer wieder ein fassungsloses
Raunen.
Doch die Passagen, die sie liest, hat sie nicht wegen des Schockeffekts
ausgewählt. Jamila ist keine Wichtigtuerin, die auf Sensationen aus ist. Sie
erzählt ihren Alltag als zwölfjähriges Mädchen. Harmloser kann sie das
nicht, ohne etwas zu beschönigen, wo es nichts zu beschönigen gibt.
In einer zweiten Szene schildert Jamila das von ständigen Bombenangriffen
gezeichnete Kabul. Eine Frau rennt hysterisch durch die Straßen: "Ich suche
die Körperteile meines Mannes, ich habe nur den Kopf gefunden." Die
unpathetische Vortragsweise der jungen Autorin lässt das Grauen noch
plastischer, noch unmittelbarer erscheinen.
Der Bürgerkrieg zerstört die Familien
Dass Leben von Jamila/Jamo hätte so schön sein können. Elf Jahre lang wächst
sie wohlbehütet in einer gut situierten Familie auf: der Vater
Mathematikprofessor, die Mutter leitet die Kreditabteilung der Nationalbank.
Ihr Großvater war Bürgermeister von Kabul.
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Jamila Hassan: Jamos lange Reise 160 Seiten BK-Verlag Staßfurt 2002 ISBN 3-9804054-8-6 |
Mit dem Einmarsch der Russen in Afghanistan 1979 bilden sich als Protest
gegen die kommunistischen Herrscher zahlreiche Mudschahedin-Gruppen, die
gegen die Regierung und untereinander Machtkämpfe ausfechten. 1992 gelingt
der Sturz der von den Russen gesteuerten Regierung. Erst danach wird das
bisher sorgenfreie Leben der Familie Hassan, im Buch Karimi, durch
Bürgerkrieg und Schreckensherrschaft zerstört.
Der Vater wird festgenommen, weil er verdächtigt wird, mit den Kommunisten
zu sympathisieren. Der Mutter bleibt nichts anderes übrig, als sich mit
ihren sechs Kindern auf die Flucht zu begeben. Mit dem Vater wird
verabredet, sich in Holland bei Verwandten wiederzutreffen, sollte die
Flucht tatsächlich gelingen.
Die Mutter sucht den Kontakt zu Schleppern. Für Jamo beginnt die "lange
Reise", denn sie tritt als erste die Odyssee an. Allein, anders sei die
Ausreise nicht möglich, sagen die Schlepper. In Holland kommt Jamo nicht an,
sie wird auf dem Bahnhof von Hannover ihrem Schicksal überlassen. Wie durch
ein Wunder trifft sich die ganze Familie in Leipzig wieder.
Was hier nur in äußerstem Zeitraffer wiedergegeben werden kann, ist der eine Teil der Geschichte, die schon atemberaubend genug ist.Der zweite Teil spielt sich in der Mittelschule in Mockrehna bei Torgau/Elbe ab. Jamila ist eine gute Schülerin, obwohl sie drei Jahre lang gar nicht zur
Schule gegangen ist. In vielen Fächern ist sie sogar Klassenbeste. Ihr
schlägt vom ersten Tag an ein offener Rassismus entgegen.
"Ihr ganze Kanacken raus aus Doitschland"
In ihrer Schultasche findet sie einen Brief: "Du und deine Familie und ihr
ganze Kanacken raus aus Doitschland. Ich machen du tod." Der Brief ist von
der gesamten Schulklasse unterschrieben. "Das war für mich schlimmer als der
Krieg", erzählt Jamila in Zens. "Der Krieg in Afghanistan hat alle
betroffen, der Rassismus in der Schule nur mich."
Inzwischen hat sich für Jamila vieles zum Besseren gewendet. Im Gymnasium in
Delitzsch wurde sie gut aufgenommen, heute studiert sie in Mainz Medizin.
Danach will sie mit einer Organisation wie "Ärzte ohne Grenzen" zurück nach
Afghanistan und den Menschen helfen. Ihre ehemaligen Lehrer aus Mockrehna
sind dagegen verärgert, dass Jamila die Ereignisse an der Schule in ihrem
Buch veröffentlicht hat. Wie armselig ist die Welt.
(erschienen in der Schönebecker Volksstimme am 20. März 2003)
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