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Nach der Flut: Schönebecker Verein unterstützt Familien und Kinder
Sieglinde Menzel hat gemeinsam mit anderen ein umfangreiches Hilfsprogramm organisiert
Von Lothar Veit
SCHÖNEBECK/PRATAU/LISTERFEHRDA. Sieglinde Menzel hat eine besondere Wirkung auf Menschen. Wo sie auftaucht, verwandeln sich betrübte Gesichter in leuchtende. Am Donnerstag war die
Schönebeckerin unterwegs in Pratau und Listerfehrda (bei Wittenberg), um vom
August-Hochwasser betroffene Familien und Kinder zu besuchen. Die
Volksstimme begleitete sie.
"August-Hochwasser" - das klingt, als sei
das Thema längst erledigt. Inzwischen ist Februar. Doch das Hochwasser
steckt den Menschen noch immer in den Knochen - und in den Wänden. Als
Sieglinde Menzel im Sommer von den Schicksalen der Menschen in der Region
Wittenberg hörte, wollte sie helfen. Sie als Schönebeckerin war dankbar,
dass ihre Stadt wie durch ein Wunder vor Schlimmerem bewahrt blieb. "Gott
sei Dank" dachte sie damals und denkt es immer noch.
Die 62-Jährige ist Vorsitzende der seit 1990 bestehenden Schönebecker
Regionalgruppe KALEB e.V., einem bundesweit tätigen Verein, der sich für den
Schutz des ungeborenen Lebens einsetzt (siehe Infokasten). Die
ehrenamtlichen Mitarbeiter von KALEB tun dies nicht, indem sie mit erhobenem
Zeigefinger durch die Öffentlichkeit laufen oder auf betroffene Frauen
moralischen Druck ausüben, sondern sie helfen ganz praktisch: mit Beratung,
finanzieller Unterstützung, Aufklärungsarbeit und Kinderkleidung. Man könnte
auch sagen: mit Liebe.
Ehrliche Hilfe ohne erhobenen Zeigefinger
"Gott sei Dank" dachte Sieglinde Menzel, weil sie, während andere mit
ansehen mussten, wie ihr Hausrat im stinkenden Schlamm davongespült wurde,
unversehrt davonkam. Im Gegensatz zu anderen Zeitgenossen, denen so ein
Ausspruch auch schnell mal über die Lippen geht, meint sie das wörtlich.
Sieglinde Menzel ist Christin und hat ihre geistliche Heimat im
"Schalom-Haus" der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten).
Schnell stand für sie fest, dass dem Dank Taten folgen müssen. Sie
telefonierte, stellte Kontakte her und fuhr dann mit ihrem Mann Gottfried
Ende August einfach los. Eine Frauenärztin zeigte dem Ehepaar, wo Hilfe not
tat. In Pratau bei Wittenberg war ein Damm gebrochen, das Dorf regelrecht
von der Zivilisation abgeschnitten. Sieglinde Menzel erinnert sich: "Wir
hatten uns zwar die Bilder im Fernsehen angeschaut. Doch das ganze Ausmaß
der Zerstörung direkt vor Augen zu haben, ist etwas ganz anderes."
Menzels besuchten junge Familien, ältere Ehepaare und Kindergärten. Mit
ihren Eindrücken kehrten sie nach Hause und berieten mit den Mitgliedern
ihrer Gemeinde und den Mitarbeitern von KALEB, wie man helfen könnte. Sie
stießen auf offene Ohren und setzten eine große Hilfsaktion in Gang. Die
Schönebecker sammelten Sach- und Geldspenden, Spielzeug, Kinderkleidung,
Bücher und Geschirr, der Verein KALEB mietete aus Spendengeldern mehrere
Kondenstrockner und stellte sie den Familien kostenlos zur Verfügung.
Die Pegelstände drohen noch immer
Inzwischen ist Februar. Vielleicht wird die Flut bald nicht mehr als eine
Fußnote in den Geschichtsbüchern sein. Die hohen Pegelstände der Flüsse
drohen zwar nach wie vor, viele Keller stehen seit Sommer unter Wasser, aber
es bleibt hoffentlich ein singuläres Ereignis, dass die Fluten ganze
Häuserwände einfach mitreißen, als seien sie aus Pappe und nicht aus Stein.
Vorgestern machte sich Sieglinde Menzel gemeinsam mit Bernd Losch, der schon
bei früheren Fahrten als Fahrer und tatkräftiger Helfer dabei war, zum
achten Mal auf den Weg nach Pratau und Listerfehrda.
Für die Kinder im Kindergarten Listerfehrda haben sie Spielzeug im Gepäck.
Das hatten Kinder aus Schönebecker Kindergärten und Grundschulen gesammelt.
"Die haben sich von ihrem eigenen, liebgewonnenen Spielzeug getrennt", ist
Sieglinde Menzel noch heute von der Hilfsbereitschaft überwältigt. Es wäre
unsinnig gewesen, das Spielzeug bereits im September zu überbringen. Da war
der Kindergarten total verwüstet.
Doch jetzt spürt man in Listerfehrda ein wenig Aufbruchstimmung: Die Räume
im Kindergartengebäude sind inzwischen fast komplett renoviert, für Ende
Februar/Anfang März ist die Wiedereinweihung geplant. In der Zwischenzeit
durften die Kinder in den örtlichen Jugendclub ausweichen, direkt über einem
Kaninchenzüchterverein. Es ist einer der wenigen Räume, die im Sommer
verschont geblieben waren.
Die Kinder und die Mitarbeiterinnen der Einrichtung kennen Sieglinde Menzel
und Bernd Losch. Sie werden empfangen wie alte Freunde. In einem Dankesbrief
an die Spender, der in den nächsten Tagen verschickt werden soll, redet das
Ehepaar Menzel liebevoll von "ihrem" Kindergarten. Für die Eltern und Kinder
ist es auch "ihre" Frau Menzel. Über die mitgebrachten Stofftiere, einen
Arztkoffer und eine Tankstelle machen sich die Kinder mit Begeisterung her.
Nicht zu vergessen der große Gockel, den eine Schönebecker Mutter von Hand
genäht hat. Eine Mutter aus Listerfehrda will ihr Kind aus dem Kindergarten abholen. Als
sie sieht, dass gerade die Bescherung stattgefunden hat, geht sie
achselzuckend wieder: "Das dauert wohl noch eine halbe Stunde." Dass Frau
Menzel zur Einweihung wieder eingeladen wird, steht außer Frage.
Ganz so eitel Sonnenschein herrscht nicht überall. Eine junge Mutter hat mit
den Behörden zu kämpfen. Niemand bestreitet wohl, dass die Deutschen mit
ihren Spenden seit der Flut eine noch nie dagewesene Solidarität bewiesen
haben. Aber nun hat offenbar die deutsche Bürokratie wieder die Oberhand
gewonnen.
Gewinnt die Bürokratie wieder die Oberhand?
Im Landkreis Wittenberg liegen über 3000 Anträge auf finanzielle
Unterstützung beim Flutopferstab vor. Der Landkreis hat bereits 1500
Formulare drucken und verteilen lassen, um die Fluthilfe zu organisieren.
Jetzt sind sie ungültig, und es gibt auf Anordnung des Bauministeriums
Sachsen-Anhalt ein neues Formular. Darin sollen die Antragsteller
bestätigen, dass sie zur Zeit der Katastrophe tatsächlich Eigentümer ihres
Hauses waren und dass die entstandenen Schäden tatsächlich von der Flut
stammen. Nicht nur die Betroffenen, auch die Kommunen sind verärgert.
Wohin man kommt, überall ist die Bewältigung der Flutschäden nicht so
einfach, wie die Behörden in offiziellen Berichten gelegentlich verkünden.
Manche Versicherung zahlt nicht oder nur Bruchteile der Schäden. Eine Frau
darf mit Geldern aus den Flutspenden ihren Sohn, einen arbeitslosen Maurer,
nicht entlohnen. Die Kosten für eine - deutlich teurere - Firma bekäme sie
erstattet. Ein junger Familienvater muss gleichzeitig Miete und die Raten
für sein neues Haus bezahlen. Während des Hochwassers konnte er zum Glück in
seiner kurz zuvor gekündigten Wohnung bleiben, das neue Grundstück dagegen
stand komplett unter Wasser. Er durfte es nicht zurückgeben.
Bei ihm und drei weiteren Familien arbeiteten Kondenstrockner, die Sieglinde
Menzel besorgt hatte. KALEB e.V. hat das insgesamt über 2500 Euro gekostet,
die Spenden kamen immer gerade rechtzeitig, bevor die nächste Rechnung
anstand. Vorgestern konnten die Trockner wieder abgeholt werden. Das Gröbste
ist überstanden, immerhin ist inzwischen Februar. Was bleibt, sind nicht nur
die Ängste vor dem Wasser, sondern auch neue und tiefe Freundschaften. Für
letzteres: Gott sei Dank!
Kurzportrait KALEB e.V.
>> KALEB steht für "Kooperative Arbeit Leben Ehrfürchtig Bewahren".
>> KALEB e.V. ist ein bundesweit tätiger Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Frauen und Familien zu helfen, um ungeborenes Leben zu schützen.
>> Seit 1990 gibt es in Schönebeck eine Regionalgruppe, die sich ehrenamtlich um schwangere Frauen, Alleinerziehende und Familien kümmert.
>> Die Hilfe für die Flutopfer ist keine originäre KALEB-Aufgabe, sondern eine besondere Initiative der Regionalgruppe Schönebeck.
>> Kontakt: Sieglinde Menzel, KALEB e.V., Wilhelm-Hellge-Str. 112, 39218 Schönebeck, Tel./Fax: (03928) 69593
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(erschienen in der Schönebecker Volksstimme am 3. Februar 2003)
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