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Quast: "Gott will unser Geld nicht an sinnlosen Stellen"
Elbe-Saale-Andacht in Berlin / Kasparick verkündet Teilerfolg
Von Lothar Veit
BERLIN/MAGDEBURG/SCHÖNEBECK. Es erinnert ein wenig an die Geschichte von Don Quijote, der auszog, um mit dem Schwert gegen Windmühlenflügel zu kämpfen. Magdeburgs Domprediger
Giselher Quast hat seine Gitarre geschultert und steht damit vor dem
Berliner Reichstag, Eingang Süd. Er ist ausgezogen, um mit der Gitarre und
Gottes Wort gegen den geplanten Bau des Saale-Kanals zu kämpfen.
Giselher Quast ist nicht nur Domprediger,
sondern auch Schirmherr der Magdeburger Bürgerinitiative "Pro Elbe". In
Magdeburg sind seine "Elbe-Andachten" bekannt. Für dieses Engagement wählten
ihn die Leser der Volksstimme zum "Magdeburger des Jahres 2002".
Jetzt also Berlin. "Wir haben uns im Herzen der Macht versammelt, um an die
Macht des Herzens zu erinnern", wird er später in dem schlichten
Andachtsraum im Reichstagsgebäude sagen.
Vor dem Eingang Süd des Reichstages wartet der Schönebecker
Bundestagsabgeordnete Ulrich Kasparick (SPD). Er hatte Domprediger Quast
gefragt, ob er nicht einmal eine Elbe-Andacht - inzwischen erweitert zu
Elbe-Saale-Andacht - im deutschen Regierungssitz halten wolle. Kasparick ist
einer der schärfsten Gegner des geplanten Saale-Kanals bei Tornitz. "Das,
was in Sachsen-Anhalt an Aktionen passiert, ist wichtig. Aber die
Entscheidungen fallen in Berlin", begründet er seine Initiative.
Nach und nach treffen weitere Personen ein. Dr. Angela Stephan von der
Bürgerinitiative "Pro Elbe". Ines Brunar und Dr. Ernst-Paul Dörfler vom
BUND-Elbe-Projekt. Professor Wulf Pohle vom Leibniz-Institut für
Gewässerökologie Berlin. Nicht zuletzt die Bundestagsabgeordnete Undine
Kurth, Tourismus- und Naturschutzpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis
90/Die Grünen.
Die Anwesenden sind einer Meinung
In ihren Ohren klingt es wie Musik, wenn der Domprediger sagt: "Gott will
unser Geld nicht an sinnlosen Stellen!" Er meint die 80 Millionen Euro für
den geplanten Saale-Kanal und die 250 Millionen Euro, die einst für den
weiteren Ausbau der Elbe vorgesehen waren.
Die 25 Personen, die sich im Andachtsraum des Reichtstages versammelt haben,
sind alle einer Meinung. Das ist ein Problem, wie Giselher Quast hinterher
selbstkritisch einräumt: "Wir Kirchenleute müssen eine Arbeitsweise lernen,
die uns noch nicht vertraut ist." Natürlich sei nicht zu erwarten gewesen,
dass Massen an Abgeordneten kommen, so Quast. "Aber wichtig ist, dass die
Andacht stattgefunden hat und es sich herumspricht."
Die Stimmung ist trotzdem gut, weil Ulrich Kasparick am Vormittag einen
Teilerfolg verkünden konnte: Das Kabinett werde am 2. Juli, wenn die
Beschlussfassung über den Bundesverkehrswegeplan ansteht, nicht abschließend
über den Saale-Kanal entscheiden. "Der Kanal bleibt zwar im vordringlichen
Bedarf des Plans, die Entscheidung über den Bau wird aber an drei
Bedingungen geknüpft", berichtet Kasparick. Zunächst soll abgewartet werden,
bis belastbare Zahlen über die Wirtschaftlichkeit vorliegen. Die bisherigen
Zahlen waren unter der Prämisse berechnet worden, dass auch die Elbe weiter
ausgebaut wird, was der Koalitionsvertrag aber ausschließt.
Liegt Zuständigkeit künftig beim Land?
Zum Zweiten muss sich die Tauchtiefe des Saale-Kanals nach "mittlerem
Elbewasser ohne Ausbau" richten, was etwa einer Tiefe von 1,60 Meter
entspricht. Der dritte Punkt könnte allerdings der entscheidende sein: Der
Saale-Abschnitt, um den es geht, soll aus dem Netz der Bundeswasserstraßen
herausgenommen werden. "Das bedeutet", so Kasparick, "dass dann das Land Sachsen-Anhalt die Zuständigkeit für den Unterhalt und den Hochwasserschutz hätte - was sehr kostenintensiv
wäre."
Die Ausbaugegner führen diese Vereinbarung, die am Montag auf
Staatssekretärsebene getroffen wurde, auf den massiven öffentlichen Druck
zurück. In den letzten vier Wochen waren über 45.000 Unterschriften gesammelt und
an Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe übergeben worden. Dieser sicherte
daraufhin jüngst in Magdeburg eine erneute Überprüfung des Saale-Kanals zu.
Stolpe: "Ich bin kein wilder Kanalbauer."
Giselher Quast, der schon oft angefeindet wurde, wenn er sich allzu
politisch äußerte, sieht sein Engagement in völligem Einklang mit dem
biblischen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung. "Jeder Teil dieser Erde ist
meinem Volk heilig", sang die Andachtsgemeinde in Berlin. Der Abgeordnete
Ulrich Kasparick spielte spontan die Orgel dazu. Als Zehntklässler hatte er
eine Ausbildung zum C-Kirchenmusiker absolviert.
Obwohl der Bau des Saale-Kanals nun vielleicht auf unbestimmte Zeit
verschoben ist, wollen die Bürgerinitiativen, Naturschutzverbände und
Kirchenvertreter wachsam bleiben. "Ist die Vereinbarung nur ein Trick, um
den Kanal dennoch in den Verkehrswegeplan zu bringen?", fragt Giselher Quast
argwöhnisch.
Als er wieder zu Hause in Magdeburg eintrifft, nimmt er die Gitarre von den
Schultern und stellt sie in den Flur. Der Domprediger wird immer wieder
damit ausziehen - und sei es, um gegen Windmühlenflügel zu kämpfen.
(erschienen in der Schönebecker Volksstimme am 25. Juni 2003)
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