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"Ich bin halt der ewige Klassensprecher"
Der Rockmusiker Heinz Rudolf Kunze im Volksstimme-Interview
Von Lothar Veit
Als Rockmusiker, Dichter und Musicalübersetzer ist Heinz Rudolf Kunze, 46,
viel beschäftigt. Nun wurde er auch noch als Kulturexperte in eine
Enquete-Kommission des Bundestages berufen. Lothar Veit sprach mit ihm über
seine politischen Ansichten, den Erfolg der Kollegen Grönemeyer und Co. -
und natürlich sein eigenes künstlerisches Schaffen.
Volksstimme: In diesem Jahr ist Ihr neues Buch "Vorschuß statt Lorbeeren"
erschienen, in Hannover hatte Ihr Musical "Ein Sommernachtstraum" Premiere,
die neue Platte "Rückenwind" kam auf den Markt und nun haben Sie auch noch
eine Live-Doppel-CD mit einem dazugehörigen Konzertmitschnitt auf DVD
veröffentlicht. Brauchen Sie das alles als kulturellen Ausgleichssport? Oder
brauchen Sie einfach Geld?
Heinz Rudolf Kunze: (lacht) Ja! In diesem Jahr kam einfach besonders viel
zusammen. Es sind ja zum Teil Sachen, die schon lange geköchelt haben. Aber
das wird wohl automatisch zur Folge haben, dass im nächsten Jahr von mir
keine Platte erscheint, sondern nur eine gemacht wird, die dann im
übernächsten Jahr in den Handel kommt.
Volksstimme: Sie haben in diesem Jahr nicht nur viel veröffentlicht, sondern
auch Ihre Band komplett ausgetauscht...
Kunze: ...nicht ganz, der Keyboarder ist geblieben, aber drei junge Hamburger
sind dazugestoßen. Das war die größte Tat, die mein neuer Produzent Franz
Plasa mir hat angedeihen lassen: dass er diese Band gefunden und auf seiner
Farbpalette für mich diese Farben ausgewählt hat.
Volksstimme: Sie haben sich von Ihrer neuen Band eine "Verjüngungskur"
erhofft. Tatsächlich hat man den Eindruck, dass auf dem neuen Live-Album
nicht Heinz Rudolf Kunze mit seiner vierten "Verstärkung" zu hören ist,
sondern eine homogene Band, die einen Sänger hat, der zufällig Heinz Rudolf
Kunze heißt.
Kunze: Gut. Das wird der Band sehr gefallen. Die Band nimmt sich sehr ernst
und das ist auch gut so. Ich habe mich besonders darüber gefreut, wie
unverkrampft, naiv und direkt die Jungs mein altes Material aufgegriffen
haben - ohne jede Berührungsangst. Ich habe mit Jörg Sander einen der besten
Gitarristen Deutschlands in meinen Reihen, das ist überhaupt keine Frage,
der Mann ist ein Genie. Leo Schmidthals ist ein Bassist, der genauso schwarz
grooven kann wie sein schwarzer Vorgänger und dazu noch eine hochkomplexe
Musikausbildung hat. Mit dem kann man nicht nur grooven, sondern auch über
Schönberg reden. Jens Carstens ist momentan einer der gefragtesten deutschen
Schlagzeuger. Matthias Ulmer ist der beste Keyboarder, den ich kenne. Ich
habe einfach ein Dream Team.
"Ich liebe Amerika und habe viel von diesem Land gelernt"
Volksstimme: In mehreren Interviews haben Sie die kompromisslose Haltung
Deutschlands zum Irak-Krieg kritisiert, weil damit Ihrer Meinung nach das
Verhältnis zu Amerika fahrlässig beschädigt wurde. Andererseits haben Sie
eine neue Antikriegs-Strophe für das Lied "Aller Herren Länder" geschrieben
und äußern sich auch in anderen Texten kritisch zum Vorgehen der
Bush-Regierung. Wie ambivalent ist Ihr Verhältnis zu Amerika?
Kunze: Ich liebe Amerika, habe viel von diesem Land gelernt und bin auch
gerne dort. Aber ich mag das Regime nicht, das im Moment dort regiert. Das
muss man einfach unterscheiden. Das amerikanische Volk, die amerikanische
Nation ist großartig und hat so eine Regierung aus meiner Sicht nicht
verdient. Es gibt ja auch immer mehr Amerikaner, die das genauso sehen.
Trotzdem hatte ich eben die Hoffnung, dass unsere Regierung sich etwas
sensibler, feinfühliger und diplomatischer benimmt. Natürlich hat Schröder
letzten Endes Recht behalten. Auch ich habe niemals den Irak-Krieg
befürwortet, ich habe nur bis zuletzt gehofft, dass man es den Amerikanern
noch ausreden könnte.
Volksstimme: Stichwort deutsche Regierung: Sie haben in mehreren Interviews
Gerhard Schröder den Rücktritt empfohlen, Sie halten Joschka Fischer für
einen "katastrophal schlechten Außenminister" und sie haben sogar zugegeben,
dass Sie bei der letzten Bundestagswahl FDP gewählt haben. Ist soviel
Offenheit nicht geschäftsschädigend?
Kunze: Ja. (Pause) Ich bin da manchmal etwas freizügig in meiner Ehrlichkeit
und kriege dafür auch immer wieder Ohrfeigen.
Volksstimme: Selbst Ihr Publikum ist von solchen Statements überrascht.
Kunze: Mein Publikum ist aber belastbar. Ich bin stolz auf mein Publikum.
Volksstimme: Ihr Engagement für eine Quotierung deutschsprachiger Rockmusik
hat Ihnen ebenfalls Ärger eingehandelt. Sie haben gesagt, dass Ihnen das
sehr weh getan hätte und Ihre persönliche Konsequenz daraus sei, dass Sie sich
"niemals wieder für irgendetwas Gemeinsames engagieren" wollen.
Kunze: Ich habe diesen Satz gesagt, das stimmt. Und zwar aus Enttäuschung
über mangelnde Solidarität innerhalb der Kollegenschaft. Aber ich möchte
nochmal, weil Sie mich jetzt darauf ansprechen, die Gelegenheit nutzen zu
sagen: Nicht ich habe mich dafür eingesetzt, sondern 80 deutsche Kollegen
haben einen Brief unterschrieben und mich vorgeschickt, um das öffentlich zu
vertreten. Weil sie mich gerne als Prügelknaben nehmen und meinem breiten
Rücken sehr viel zutrauen. Und da war ich geknickt über die Art und Weise,
wie dann der eine oder andere Kollege abgesprungen ist, als es ernst wurde.
Volksstimme: Die Forderung nach der Quote ist ja schon ein paar Tage alt.
Ist sie Ihrer Meinung nach noch nötig?
Kunze: Ich bleibe bei meiner Aussage, die ich nie abgewandelt habe, von
Anfang an nicht: Ich möchte gerne, dass es ohne Quote geht. Die Quote war
ein Hilfeschrei, es war ein Hauen auf die ganz große Pauke, damit uns mal
jemand zuhört. Zwang ist immer Scheiße.
Volksstimme: Sie, der Sie sich nie wieder engagieren wollten, sind seit dem
13. Oktober als Sachverständiger Mitglied einer vom deutschen Bundestag
eingesetzten Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland", die innerhalb von
zwei Jahren eine Bestandsaufnahme leisten und Vorschläge zur Kulturpolitik
machen soll. Was wird Ihr Beitrag sein?
Kunze: Das wird sich zeigen. Ich bin auf eine so nette Weise gefragt worden,
da mitzumachen, dass ich einfach nicht nein sagen konnte. Vielleicht kann
ich ja doch irgendwas für alle bewegen. Ich bin halt der ewige
Klassensprecher, was soll ich machen?
Volksstimme: In der Aufgabenbeschreibung heißt es unter anderem, dass die
Kommission näher bestimmen soll, "was legitimerweise zur kulturellen
Grundversorgung gezählt werden muss". Auch die Fragen der Tarifbindung, etwa
an Theatern, sollen berücksichtigt werden. Soll die Kommission vor allem
Sparvorschläge erarbeiten?
Kunze: Sparen ist ja momentan in jedem gesellschaftlichen Bereich auf der
Agenda. Naturgemäß trifft es die Kultur zuerst, weil sie die schwächste
Lobby hat und hier am wenigsten Aua geschrien wird. Aber ich möchte nicht,
dass diese Enquete-Kommission eine Alibi-Veranstaltung wird, wo alle
gemeinsam lamentieren, dass alles immer schlimmer wird. Es wäre schon
wünschenswert, dass wir das Schlimmste verhindern können.
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hat als Vorsitzender in der
konstituierenden Sitzung den Satz von irgendeinem Herrn Hoffmann zitiert:
"Kultur ist ermöglichen." Ich denke: Kulturpolitik sollte ermöglichen hoch
zwei sein.
Volksstimme: Die Kommission besteht aus elf Abgeordneten und elf
Sachverständigen. Ist es bezeichnend für den Stellenwert der Kultur, dass
die Abgeordneten nicht besonders prominent sind?
Kunze: Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe jedenfalls nach der ersten
Sitzung das Gefühl, dass da sehr ernsthaft miteinander gesprochen wird, und
dass es überhaupt nicht um irgendwelche Lagerdenkweisen geht. Ich hatte
schon eine sehr überraschende und erfreuliche Begegnung mit den
Grünen, mit denen ich ja eigentlich nicht so besonders gut kann. Antje
Vollmer hat sich auf eine so nette Weise an mich gewandt und gesagt, sie
möchte unbedingt, dass ich bis zum bitteren Ende dabeibleibe. Das hat mich
sehr gefreut.
"Helmut Schmidt war der beste deutsche Kanzler, den es je gab"
Volksstimme: Sie wurden von dem CDU-Abgeordneten Günther Nooke
vorgeschlagen. Nach welchen Kriterien wurden die Sachverständigen
ausgewählt?
Kunze: Das weiß ich nicht. Ich habe keine Ahnung. Herr Nooke hat offenbar
ein paar Platten von mir gehört, ein paar Interviews von mir gelesen und
sich deswegen an mich gewandt. Es mag auch sein, dass meine
freundschaftliche Beziehung zu Christian Wulff eine Rolle gespielt hat.
Kann sein, dass der mich empfohlen hat. Aber ich bin, auch das soll in
diesem Zusammenhang gesagt sein, parteilos. Ich bin nicht in ein anderes
Lager gewechselt, sondern ich bin parteilos und gedenke das auch zu bleiben.
Volksstimme: Sie waren SPD-Mitglied...
Kunze: ...ja, viele Jahre...
Volksstimme: ...und auf die Frage, was passieren müsste, damit Sie wieder
eintreten, haben Sie geantwortet: Helmut Schmidt müsste Kanzler werden. Der
Altkanzler hat sich nun gerade in der Öffentlichkeit dadurch hervorgetan,
dass er den Ostdeutschen "Weinerlichkeit" vorgeworfen hat. Was halten Sie
davon?
Kunze: Ich kenne das Statement nicht im Original-Wortlaut, deswegen möchte
ich es nicht kommentieren. Ich glaube nicht, dass Helmut Schmidt etwas so
Unsensibles in dieser Schroffheit wirklich gesagt hat. Ich halte ihn für den
besten Kanzler, den es in Deutschland jemals gegeben hat und ich glaube,
dass man ihm mangelnde Sensibilität gegenüber dem Osten nicht vorhalten
kann. Das mag ihm so rausgerutscht sein, gelegentlich neigt er ja auch zu
etwas barschen Äußerungen. Aber er hat so viel Gutes angerichtet in seiner
aktiven Zeit, dass er, wenn er das gesagt haben sollte, es wahrscheinlich
jetzt schon wieder bereut.
Volksstimme: Zurück zu Ihnen: Sie kombinieren nach wie vor eingängige
Rockmusik mit schwergängigen Texten, die von Platte zu Platte eher noch
verschlüsselter werden. Sind Sie manchmal neidisch auf Kollegen wie
Westernhagen oder Grönemeyer, die mit etwas leichter verdaulicher Ware mehr
Platten verkaufen und größere Hallen füllen als Sie?
Kunze: Ich bin neidisch auf die Beatles. Ich mache das, was ich kann und
kann es auch nicht anders machen, da muss jeder seinen eigenen Weg finden.
Wobei, diese beiden genannten Beispiele - das sind ja keine Flachwichser,
sondern beide haben zum Teil Stücke geschrieben, die durchaus Substanz
haben. Auch Marius hat auf seinen Alben, wenn man mal genauer hinhört -
weiter hinten, wenn es nicht gerade um die Singles geht - manche Dinge, die
ich für sehr gelungen halte. Und Grönemeyer ist auch ein guter Mann. Ich
habe deren Wege nicht zu kritisieren. Die haben halt mehr Erfolg, sind
irgendwie griffiger, mehr Leute verstehen sie. Aber wenn ich versuchen
würde, meine Sachen zu vereinfachen, würde das so peinlich klingen, dass mir
die Leute, die mich mögen, wahrscheinlich abspringen würden - und die
anderen, die mich eh nicht mögen, würden nicht aufspringen.
(Interview vom 13. Oktober 2003)
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