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"Die Gewalt wirkt nach"
Interview mit Superintendent Wolfgang Schmidt über den Film "Die Passion Christi"
Von Lothar Veit
Seit drei Wochen läuft er in den Kinos: der umstrittene Film "Die Passion
Christi" des Hollywood-Stars Mel Gibson. Für die Volksstimme sprach Lothar
Veit mit dem Superintendenten des evangelischen Kirchenkreises Elbe-Fläming,
Wolfgang Schmidt, über die Vorzüge und Schwachpunkte des Films.
Volksstimme: Was war Ihr erster Gedanke, nachdem Sie den Film "Die Passion
Christi" gesehen hatten?
Wolfgang Schmidt: Ich bin mit einer großen Offenheit in den Film gegangen,
obwohl ich wusste, was schon alles darüber berichtet worden war. Die
Gewaltdarstellungen waren natürlich sehr eindrücklich, etwa die Szene, wo
ein Römer einen Ledergürtel mit Metallspitzen in den Tisch geschlagen hat,
bevor er ihn auf den Leib Jesu peitscht. Das hat nachgewirkt.
Volksstimme: Zeigt der Film die biblische Wahrheit?
Schmidt: Das kann ich nicht beurteilen. Aber die Aussagen der
Passionsgeschichte, etwa: "Jesus ist geschlagen und gegeißelt worden", hatte
ich bisher in dieser Dimension nicht verinnerlicht.
Volksstimme: Ist die Brutalität also berechtigt?
Schmidt: Brutale Filme sind nie berechtigt, aber ich vermute, dass der
Regisseur in seiner Darstellung nicht übertrieben hat. Problematisch ist,
dass er nur einen winzigen Ausschnitt aus dem Leben Jesu Christi zeigt.
Unsere Hoffnung, dass er auferstanden ist und uns dadurch das ewige Leben
und die Vergebung unserer Schuld verspricht, kommt in dem Film nicht zum
Ausdruck.
Volksstimme: Es gibt am Ende eine kurze Auferstehungsszene. Wie bewerten Sie
die?
Schmidt: Die fand ich misslungen. Ich finde es zwar gut, dass der Film nicht
mit dem Tod endet, aber ich konnte diese Szene nur schlecht mit dem in
Verbindung setzen, was ich vorher gesehen hatte.
"Der Regisseur hat mit der Gewalt nicht übertrieben"
Volksstimme: Was war Ihrer Ansicht nach die Intention des Regisseurs?
Schmidt: Wenn man die anderen Filme von Mel Gibson kennt, weiß man, dass das
Gewaltpotenzial eine große Rolle bei ihm spielt. Das wird ihm ja
vorgeworfen, trotz seiner Bekehrungsgeschichte, die er erlebt hat - als
ehemaliger Alkoholiker, der geheilt worden ist. Vermutlich war es sein
aufrichtiges Anliegen, diese Erfahrung in den Film zu übertragen.
Volksstimme: Ein Vorwurf gegen den Film lautet, dass die Juden darin als
geifernde Masse dargestellt werden. Ist der Film antisemitisch?
Schmidt: Das kann ich so nicht bestätigen.
Volksstimme: Kann der Film instrumentalisiert werden?
Schmidt: Das liegt ja an uns. Es können auch andere Filme instrumentalisiert
werden. Ich finde aber nicht, dass die Gefahr hier in einem übertriebenen
Maß besteht.
Volksstimme: Warum lässt Gott seinen Sohn so elend verrecken?
Schmidt: Das beantworten die Evangelien: Jesus musste sterben, damit wir
wieder Zugang zu Gott bekommen. Warum er keinen sanfteren Tod sterben
durfte, kann ich nicht beantworten.
Volksstimme: In den Kirchen, auf den Altären, ist der Gekreuzigte zu sehen,
nicht etwa der Auferstandene. Ist dieses Symbol tauglich für eine Religion,
die Liebe predigt?
Schmidt: Ich halte nichts von dem Vorschlag einer Bischöfin, das Kreuz
beispielsweise durch die Krippe zu ersetzen. Das Kreuz ist der Mittelpunkt
unseres Glaubens.
Volksstimme: Dann hätte der Film den Kern getroffen.
Schmidt: Das möchte ich so nicht bestätigen, aber ein Professor aus unserem
Kirchenkreis sagte zu mir, er werde das Kreuz, ob als Schmuck oder in einer
Kirche, mit anderen Augen betrachten als vorher.
Volksstimme: Würden Sie den Film empfehlen?
Schmidt: Eine Empfehlung möchte ich nicht aussprechen. Es ist kein Fehler,
ihn zu sehen. Für sensible Menschen ist er aber nicht geeignet.
(erschienen in der Burger Volksstimme am 8. April 2004)
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