Gibt es das Recht auf ein gesundes Kind?

Dr. Jürgen Helm referierte über Präimplantationsdiagnostik

Von Lothar Veit

Foto: Lothar Veit SCHÖNEBECK. "Wenn ich zu schnell bin, müssen Sie mich einfach bremsen", forderte Dr. Jürgen Helm das Publikum gleich zu Beginn auf. Und tatsächlich - der Dozent am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg startete eine rasante Vorlesung über ein nicht ganz unkompliziertes Thema: die Präimplantationsdiagnostik, kurz: PID.

Fast 40 Interessierte, altersmäßig gemischt, hatten sich am Dienstag im Gemeindezentrum St. Jakobi in Schönebeck eingefunden, um unter dem Motto "Und der Mensch schuf den Menschen nach seinem Bilde" Überlegungen zur Bioethik in Deutschland zu hören. Das Motto ist die bewusste Abwandlung einer Bibelstelle aus dem Schöpfungsbericht: "Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde". Damit war ein Teil der Problematik schon angedeutet: In welchem Maße darf der Mensch in die Schöpfung eingreifen? Ist alles erlaubt, was technisch möglich ist?

Dr. Jürgen Helm grenzte sein Thema sinnvollerweise ein. Um das brisante Thema des Klonens, das erst jüngst durch dubiose und unbewiesene Ankündigungen einer Sekte neue Aktualität erlangt hat, sollte es nicht gehen, stattdessen widmete sich der Lehrbeauftragte aus Halle den Chancen und Risiken der nicht minder brisanten PID.

Bei der PID werden durch künstliche Befruchtung im Labor entstandene Embryonen auf genetische Störungen bzw. Erbkrankheiten untersucht. Für die Übertragung in die Gebärmutter der Frau werden dann Embryonen ausgewählt, die diese Fehler nicht aufweisen. "Es handelt sich dabei um Selektion", stellte Helm unmissverständlich klar. Dabei sei der Elternwunsch nach einem gesunden Kind sicher legitim. Die ungelöste Frage laute allerdings, ob sich daraus ein Recht ableiten lasse.

"Die PID ist embryonenverbrauchend", erläuterte der Mediziner. "Das heißt, dass die überzähligen Embryonen, bei denen durch die PID ein genetischer Defekt festgestellt wurde, vernichtet werden." Die Kirchen lehnen das Verfahren deshalb ab, weil ihrer Ansicht nach damit werdende Menschen getötet werden. Die Kirchen gehen davon aus, dass ein Embryo von Beginn an, also ab der Verschmelzung von Samen und Eizelle, alle Schutzansprüche des Menschen genießt, wie es auch im seit 1990 existierenden Embryonenschutzgesetz (ESchG) festgeschrieben ist. Da juristisch noch umstritten ist, ob das ESchG die PID wirklich verbietet, wird sie in Deutschland bislang nicht durchgeführt. In anderen Ländern, wie beispielsweise den USA, wird sie längst praktiziert.

PID moralisch besser als Abtreibung?

Befürworter entgegnen, dass die PID moralisch vertretbarer sei, als im Nachhinein ein krankes oder behindertes Kind abzutreiben. "Dazu muss man dann allerdings zuerst sein Verhältnis zur Abtreibung klären", machte Dr. Jürgen Helm die Komplexität des Themas deutlich. Gerade die Behindertenverbände kritisieren die PID, da ihnen damit quasi das Lebensrecht abgesprochen werde.

Foto: Lothar Veit Tatsächlich würden schon heute gelegentlich Eltern eines behinderten Kindes mit dem Vorwurf konfrontiert, dass "es doch angesichts des medizinischen Fortschritts nicht mehr nötig ist, so ein Kind zu bekommen". Hier stelle sich die Frage, ob sich innerhalb der Solidargemeinschaft die Maßstäbe gegenüber kranken und behinderten Menschen bereits verschieben.

Zwei Hauptpositionen gebe es derzeit zur PID: Der von Bundeskanzler Gerhard Schröder einberufene Nationale Ethikrat, in dem 24 Mitglieder aus Wissenschaft, Kirche und Gesellschaft über das Thema beraten, hat sich mehrheitlich für eine Erlaubnis der PID ausgesprochen, allerdings unter streng geregelten Bedingungen. Die Enquete-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin" des Deutschen Bundestags hat sich, wie die beiden großen Kirchen, gegen die PID ausgesprochen.

"Selektion steht damit erst am Anfang"

Die Kritiker befürchten, dass mit Einführung der PID die Selektion erst am Anfang stehen würde. "Dann könnte man sich im nächsten Schritt die Eigenschaften von Kindern möglicherweise wie aus dem Katalog zusammenstellen - nach Haarfarbe, Intelligenzgrad, Sportlichkeit oder ähnlichen Merkmalen", zitierte der Bioethiker ein weiteres gewichtiges Gegenargument.

Es war das große Verdienst von Dr. Jürgen Helm, dass er im Gemeindezentrum St. Jakobi sehr differenziert und ausgewogen über das Thema berichtete. Pro- und Contra-Argumente bewertete er nicht, sondern trug sie systematisch vor. "Ich bin selbst nicht entschieden", gab Helm zu. "Ich kann Sie nur umfassend informieren, damit Sie sich selbst ein Urteil bilden können", sagte er zu den Zuhörern, die den Dozenten nach kurzer, aber engagierter Diskussion mit dankbarem Applaus entließen.

Die Veranstalter, die christlichen Kirchengemeinden der Stadt Schönebeck, waren ebenfalls zufrieden. Der Abend fand in der Reihe "Thema und Gespräch" statt, die seit zwei Jahren läuft. Jeden Monat findet ein solcher Abend zu unterschiedlichen Themen statt; der nächste in der St. Johannis-Gemeinde am 25. Februar unter dem Motto "Karneval und Fastenzeit". "Wir wollen die Menschen unabhängig von ihrem Glauben ins Gespräch bringen", erklärte der evangelische Pfarrer Johannes Schulz das Konzept. Am Dienstag ist es zweifellos aufgegangen.

(erschienen in der Schönebecker Volksstimme am 30. Januar 2003)

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