Kultusminister Olbertz: "Welches Wissen veraltet nicht?"

Vortrag und Diskussion über das neue Schulgesetz in Sachsen-Anhalt

Von Lothar Veit

Foto: Lothar Veit SCHÖNEBECK. "Quo vadis Bildung?" - Wer nicht weiß, was das bedeutet, muss sich wohl zu den PISA-Opfern zählen. Um die Auswirkungen der viel diskutierten Studie und das neue Schulgesetz in Sachsen-Anhalt ging es am Dienstag in der voll besetzten Aula des Gymnasiums im Malzmühlenfeld. Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz stand Rede und Antwort.

"Das sind ja mehr Leute hier als bei der Weihnachtsfeier", entfuhr es einem Besucher des Bildungsforums, das auf Einladung des Landtagsabgeordneten Dr. Gunnar Schellenberger (CDU) zustande gekommen war. Kultusminister Olbertz freute sich besonders, dass auch viele Schüler im Publikum vertreten waren. "Viel zu oft reden wir nur über Sie und nicht mit Ihnen", sagte er gleich zu Beginn an die Adresse der Gymnasiasten. Was dann folgte, war mehr als eine Verteidigungsrede für das neue, in manchen Punkten nicht unumstrittene Schulgesetz des Landes Sachsen-Anhalt. Olbertz entwarf vielmehr sein visionäres Bild einer zukünftigen Schule - alle Schulformen eingeschlossen.

Für seine Ausführungen zum desaströsen Bildungsstand der Deutschen laut PISA-Studie erhielt der parteilose Minister immer wieder Szenenapplaus. Es sei beispielsweise nicht die richtige Frage angesichts einer schnelllebigen Zeit, welches Wissen noch alles in die Lehrpläne aufgenommen werden müsse, sondern nötig sei die Frage: Welches Wissen veraltet nicht? Olbertz gab Beispiele: Das Einmaleins veraltet nicht, die Bibel auch nicht. Man müsse also in der Schule ein Wissensfundament schaffen, mit dem man die Dynamik einer modernen Gesellschaft beherrschen könne.

Es sei im Übrigen nicht die Aufgabe der Schule, als globale gesellschaftliche Reparaturwerkstatt zu fungieren. "Unser Bild vom Kind ist zu häufig von Projektionen der Erwachsenen bestimmt", so Olbertz, "wir wollen eigene verpasste Chancen an unseren Kindern nachholen. Das kann nicht gutgehen." Dafür gab es wieder Szenenapplaus. Der Kultusminister schaffte es, das Publikum zu überzeugen.

Foto: Lothar Veit Das setzte sich in der anschließenden Diskussionsrunde fort. Olbertz war sich nicht zu schade, seine eigene Antwort auf eine Frage nachträglich zu bewerten: "Das war jetzt eine etwas schwache Antwort, aber damit habe ich mich noch nicht ausreichend beschäftigt."

Ausreichend beschäftigt hatte sich der Minister allerdings mit der Abschaffung der Lernmittelfreiheit. Für kostenlose Schulbücher sei schlicht nicht mehr genügend Geld da. Außerdem: "Warum soll denn der Staat für alles zuständig sein?", fragte Olbertz in die Runde. Es müsse sich die Einsicht durchsetzen, dass es genauso wichtig sei, für seine Kinder Bücher zu kaufen wie Schuhe.

Hauptbestandteil der Schulreform in Sachsen-Anhalt ist allerdings die Streichung des 13. Schuljahres. Abgeschafft werden soll darüber hinaus das bisherige Wahlsystem aus Leistungs- und Grundkursen in der Oberstufe. Stattdessen wird es ein so genanntes Kernfächersystem geben, zu dem Deutsch, Mathematik, eine Fremdsprache, eine Naturwissenschaft, Geschichte sowie eine zweite Fremdsprache oder Naturwissenschaft gehören. Diese Fächer müssen durchgängig vier Semester (Halbjahre) belegt werden, und sie werden im Klassenverband unterrichtet. Weiterhin können die Oberstufenschüler aus Profilfächern und Wahlpflichtfächern auswählen.

"Es muss noch geklärt werden", räumte der Kultusminister ein, "welche Fächer für das Abitur angerechnet werden, da wir keine sechs schriftlichen Abiturprüfungen verlangen können". Der erste Abiturjahrgang, der nach zwölf Schuljahren entlassen wird, wird der Jahrgang 2006/2007 sein. Dann wird es doppelt so viel Abiturienten geben wie in anderen Jahren.

(erschienen in der Schönebecker Volksstimme am 6. Februar 2003)

zurück

© 2001-2012 >> WebDesign: Lothar Veit, Hildesheim